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Meine stumme Freundin

Irgendwie war es Liebe auf den ersten Blick. Ich werde Hiba wohl nie mehr vergessen, auch wenn wir kein einziges Wort miteinander gewechselt haben. Während ich in Menye eine syrische Frau interviewe, die mir ihre Geschichte erzählt, über die Flucht aus Syrien, ihre behinderte Tochter und ihre Probleme, zieht ein junges Mädchen meine Aufmerksamkeit in den Bann. Sie sitzt im Rollstuhl, ein Bein im Gips, das andere vernarbt. Sie lässt sich in meine Nähe schieben und schaut mir beim Schreiben zu. Irgendwann stupst sie mich an und beginnt, Laute von sich zu geben, die ich nicht verstehe. Gleichzeitig stellt sie mit ihrer Gestik und Mimik ganz klar die Frage, was ich da mache, warum ich schreibe. Ich versuche es ihr zu erklären – doch sie ist taub. Dann fordert sie mich auf, ich solle sie fotografieren. Ohne Worte und dennoch in einem Ton, dem ich mich kaum widersetzen kann.

Ich möchte erst die andere Geschichte fertigmachen und ich gestehe, es fällt mir schwer, mich auf die Frau mir gegenüber zu konzentrieren. Hiba ist in einer Weise präsent, wie ich das kaum je bei einer 11-jährigen gesehen habe. Sie posiert. Sie befiehlt. Mir wird erklärt, sie sei geistig zurückgeblieben. Aber ich bin überzeugt, sie ist blitzgescheit und gefangen in ihrer Welt, in der sie sich als Taubstumme nicht mitteilen kann, weil ihr niemand eine adäquate Sprache beigebracht hat.

Der Vater sitzt in Syrien im Gefängnis, die Mutter hat vier Kinder, um die sie sich kümmern muss, da gibt es weder Zeit noch Geld für eine Sonderbehandlung der Familiennachzüglerin. Hiba wird über ihre Erlebnisse in Tal Kalakh nicht sprechen können. Sie wird nie erzählen können, wie die Flucht aus Homs für sie war, im Rollstuhl, ohne zu hören – wohl aber zu sehen und zu verstehen – was um sie herum geschieht. Sie wird ihre Verletzungen, ihre Ängste, ihre Traumata nicht aufarbeiten können. Sie wird in ihrem Rollstuhl sitzen, alles mitbekommen, stumm analysieren – und mit niemandem darüber kommunizieren können.

Hiba hatte in Syrien keine Chance und Hiba wird auch im Libanon keine Chance haben. Ich würde sie am liebsten mitnehmen. Aber ich gehe ohne sie und alles was ich habe, sind die Fotos von ihr. Und ihr eindrucksvoller Blick in meiner Erinnerung.

Text: Livia Leykauf-Rota ist journalistische Mitarbeiterin von Caritas Schweiz und derzeit im Libanon unterwegs. / Bild: Livia Leykauf-Rota

 

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