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«Mein Denken dreht sich nur ums Geld»

Durch den Tod ihres Partners geriet Marianne* (52) in Not. Bis heute hat sich an ihrer finanziellen Situation nicht viel gebessert. Von der Gesellschaft würde sie sich mehr Akzeptanz wünschen. Vom Staat eine finanzielle Entlastung für Alleinerziehende und mehr Kinderbetreuungsangebote.

«Seit 2008 mein Lebenspartner und Vater meines jüngsten Sohnes Daniel* völlig unerwartet mit 50 Jahren verstarb, bin ich alleinerziehend. Mein Partner war damals noch nicht von seiner Frau geschieden, und ich arbeitete in seinem Betrieb mit. Durch seinen Tod verlor ich die Arbeit, auch das Haus mussten wir verlassen. Wir wurden buchstäblich verbannt. So stand ich dann da mit einem dreijährigen Kind, ohne alles.

Ich wandte mich an den Sozialdienst, der mich aber nicht unterstützen konnte, weil der Erbgang nicht abgeschlossen war. Das dauerte gesamt zwei Jahre. Ich ging dann zum RAV, musste aber zuerst einen Krippenplatz organisieren, um vermittelt werden zu können. Im Endeffekt kostete mich die Krippe mehr, als ich vom RAV erhielt. Mein Sohn hat damals nicht nur den Vater und sein Zuhause verloren. Nein, aufgrund der Gesetzeslage auch teilweise seine Mutter. Bis dato hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen, es gab keine Betreibungen, keine Einträge. Ich wünschte mir in dieser Zeit lediglich eine Überbrückung, bis ich wieder Boden unter den Füssen gehabt hätte. Aber es gab nichts, und bis heute ist unsere finanzielle Situation sehr prekär.

Es macht mich traurig, dass sich mein Denken mittlerweile nur noch ums Geld dreht. Spontane Ausflüge oder mal ins Kino gehen sind nicht möglich. Zuerst muss ich alle Rechnungen bezahlen und die Steuern berücksichtigen, was übrig bleibt geht für Lebensmittel drauf. Seit sieben Jahren kann ich nichts mehr zurücklegen, und ich habe keine Reserve.Mein Sohn ist erbberechtigt, doch da er minderjährig ist, wird alles über meine Steuern verrechnet. Das hat für mich mehrere Nachteile: Für mich selbst ist das keine wesentliche finanzielle Entlastung. Im Gegenteil, bekomme ich dadurch keine Vergünstigungen mehr, zum Beispiel bei der Krankenkasse oder der Tagesschule. Zudem gibt es Restriktionen durch die Ämter, wie die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde.

Unterstützung aus dem Umfeld gibt es kaum mehr, denn das Umfeld hat sich praktisch aufgelöst. Wir können eben nicht mithalten, teilnehmen an Unternehmungen und Ausflügen. Da wird man dann halt irgendwann nicht mehr gefragt, und ich müsste mich schon selbst immer wieder in Erinnerung bringen und nachhaken. Schön, kann ich mich auf meine erwachsenen Kinder verlassen, die sich immer wieder mal Zeit für uns nehmen oder mir einen freien Abend ermöglichen.

Ich arbeite 80 Prozent, und Daniel geht in die Tagesschule. Job und Schule sind leider nicht immer kompatibel. Spontane Freitage der Schule oder Krankheiten des Kindes bringen mich in Zeitnot. Es kam schon vor, dass ich Daniel alleine zu Hause lassen musste oder die Mittagspausen verlängere, was zur Folge hat, dass ich mein Pensum auf Arbeit nicht schaffe. Am schwierigsten zu organisieren sind die Schulferien. Mich belastet es sehr, dass ich mein Kind immer irgendwo platzieren muss. Während der Woche verlässt er das Haus um 7.30 Uhr und kehrt erst um 18 Uhr zurück.

Ich selbst fühle mich sehr müde, nach der Arbeit kommen noch Kind und Haushalt. Für mich persönlich bleibt keine Zeit und wenn ich sie doch habe, dann schlafe ich. Das schlechte Gewissen, nicht genügend für Daniel da zu sein, ist mein ständiger Begleiter. Dabei bedeutet die Mutterrolle für mich, den Kindern Halt zu geben, ihnen zu zeigen, ich bin da. Auch wenn ich nicht immer einverstanden bin mit dem, was sie tun. Es sind meine Kinder, für die ich immer ein offenes Ohr und grosses Herz habe.

Das Bild unserer Gesellschaft ist ein anderes, als das, was ich vorlebe. Arbeiten, Haushalt, Einkaufen, Kochen: Das alles sollte mit Freude erledigt werden. Gesund sein, hübsch zurecht gemacht, immer lächeln, gut gelaunt sein und motiviert. Das verlangt unsere Gesellschaft. Dabei nicht die Weiterbildung vergessen, spenden, nur Bioware einkaufen, die Gesundheit nicht vernachlässigen. Wer Geld und Zeit hat, kann das. Ich würde auch gerne so leben, kann es aber nicht.

Die Hauptprobleme von Alleinerziehenden sind meines Erachtens die gesellschaftliche Akzeptanz, die Finanzen, die Betreuung der Kinder und der Mangel an Zeit für sich selbst. Unterstützung würde ich mir vor allem im finanziellen Bereich wünschen, zum Beispiel mit Steuerermässigungen oder Vergünstigungen bei der Tagesschule, dem Ferienlager oder für die Aktivitäten meines Sohnes. Vielleicht einen Betreuungszuschlag, damit ich nicht so viel arbeiten muss und meinen Sohn nur nebenbei betreuen kann. Ich möchte auch mit ihm leben und ihn erleben.

Eine Anerkennung der Erziehungsarbeit und Schulsysteme die ermöglichen, Kind und Job unter einen Hut zu bringen, sind weitere Punkte, die das Leben von Alleinerziehenden massiv erleichtern können.»

Marianne (52), aus dem Kanton Bern (*Namen von der Redaktion geändert)

Text: Caritas Schweiz
Bild: Symbolfoto: Ein typisches Frauenbild der 60er: Hübsch zurecht gemacht, mit Freude bei der Hausarbeit

 

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