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Maria arbeitet schwarz – und der Staat schaut weg

Schwarzarbeit in der Care-Migration - Mediendienst 8/2017

Der Bundesrat will die 24-Stunden-Betreuung in Privathaushalten besser regeln. Aber das reicht nicht, um die häufig miserablen Arbeitsbedingungen von Care-Migrantinnen in der Schweiz zu verbessern. Denn die privaten Pflegevermittlungs-Agenturen sind nur die Spitze des Eisbergs. Darunter gibt es eine grosse Dunkelziffer schwarz arbeitender Betreuerinnen, die in der Schweiz niemand kennen will.

Die 90-Jährige möchte nicht ins Pflegeheim. Seit einem Sturz ist die allein lebende Frau auch in der Nacht auf Hilfe angewiesen. Doch Sohn und Tochter können die Betreuung zuhause nicht mehr gewährleisten, sie sind am Ende ihrer Kräfte. Über Bekannte kommen sie in Kontakt mit Maria aus der Slowakei. Sie war bereits zwei Mal in der Schweiz im Einsatz und wird die Betreuung der Mutter übernehmen. Man vereinbart einen Lohn von 2000 Franken, über einen Arbeitsvertrag spricht man nicht. Maria arbeitet schwarz, ohne eine einzige Versicherung. Sollte sie erkranken oder verunfallen, müsste sie Schulden machen. Und sie handelt erst noch gesetzeswidrig. Auch die Angehörigen machen sich strafbar. Und dem Staat entgehen die Einnahmen der Sozialversicherungen wie auch die Steuern.

Ausmass der Schwarzarbeit vermutlich riesig

Die Betreuung älterer Menschen zuhause ist heute ein boomender Markt. Gemäss Sonntagszeitung vom 16. Juli 2017 haben sich in der Schweiz in den letzten fünf Jahren über 300 neue Firmen für Pflege und Betreuung ins Handelsregister eingeschrieben. Allein für die 24-Stunden-Betreuung gibt es heute rund 90 Agenturen. Sie vermitteln Betreuerinnen wie Maria aus Osteuropa an Privatpersonen. Im Normalarbeitsvertrag für Arbeitnehmer in der Hauswirtschaft (NAV Hauswirtschaft), nach dem die Betreuerinnen angestellt sind, ist vieles nur sehr rudimentär geregelt. Es ist deshalb nötig, dass der Bundesrat die Anstellungsbedingungen der Pflegerinnen regelt.

Aber das allein reicht nicht aus, um die Betreuerinnen aus Osteuropa nachhaltig zu schützen. Zu viele von ihnen arbeiten schwarz und werden mit einer Regelung nicht erreicht. Leider will heute in der Schweiz niemand wissen, wie hoch diese Dunkelziffer ist. Weder das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), die Arbeitsämter der Kantone noch die Wissenschaft möchten sich damit beschäftigen. Sie alle können keine Auskunft geben über die Anzahl der schwarz arbeitenden Betreuerinnen. Aus den umliegenden Ländern weiss man allerdings, dass deren Zahl enorm hoch ist. Am schlimmsten ist die Situation in Italien, wo die Altenbetreuung ganz Sache der Familie ist. Diese erhält zur Pflege der Angehörigen minimale finanzielle Zahlungen vom Staat, was zu einer enormen Zahl von illegalen Anstellungen führt. Rückläufig ist die Schwarzarbeit der privaten Betreuerinnen hingegen in Österreich. Seit sie den Status von selbständig Erwerbenden haben, sind heute drei von vier Personen staatlich gemeldet. Sie arbeiten legal, viel besser geschützt sind sie deshalb aber auch in Österreich nicht. In den nordischen Ländern ist das Phänomen wenig ausgeprägt. Der Grund dürfte darin liegen, dass ältere Menschen einen vom Staat gestützten Anspruch auf Betreuung zuhause haben.

Fakten schaffen, Schwarzarbeit bekämpfen, Anspruch auf Betreuung durchsetzen

In der Schweiz besteht Handlungsbedarf auf drei Ebenen: Kurzfristig sollte das Seco eine Studie in Auftrag geben, die das Ausmass der Schwarzarbeit bei der 24-Stunden-Betreuung aufdeckt. Mittelfristig muss der Staat aktiv Massnahmen ergreifen, um die Schwarzarbeit zu reduzieren. Denn Betreuung zu Hause ist zu einem Markt geworden, in dem je länger je mehr Personen ihren Lebensunterhalt verdienen. Damit ist sie nicht mehr Privatsache, sondern gehört in den Blick der Behörden. Langfristig muss die Schweiz den Anspruch auf Betreuung älterer Menschen durchsetzen, wie er bereits in der Bundesverfassung verankert ist. Der kurzsichtige Spargang der Gemeinden bei der Altenbetreuung überlässt die älteren Menschen einem unüberschaubaren Markt, der für Schwarzarbeit und prekäre Arbeitsbedingungen prädestiniert ist.

Caritas Schweiz vermittelt seit fünf Jahren Betreuerinnen aus Osteuropa. Das Caritas-Modell legt nicht nur Wert auf eine korrekte Anstellung und gute Arbeitsbedingungen, sondern auch auf eine faire Care-Migration. Das bedeutet, dass sie den Blick auch auf die Herkunftsländer richtet. Die Betreuerinnen behalten ihren Lebensmittelpunkt zuhause und die osteuropäischen Caritas-Organisationen profitieren in der Kooperation mit Caritas Schweiz von einem Fonds für Bildung und Entwicklung, um die Arbeitsbedingungen in Osteuropa nachhaltig zu verbessern.

 

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