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«Manchmal möchte ich alles hinschmeissen»

Dr. Rami al Mashni hat seine Zahnarztpraxis in den Räumen der Caritas in Zarqa. So kommt es, dass er immer wieder syrische Flüchtlinge behandelt, die bei Caritas ein und ausgehen, um sich zu registrieren, zum Allgemeinarzt zu gehen oder um Nothilfe anzufragen.

Zu Ihnen kommen immer wieder syrische Flüchtlinge, um sich behandeln zu lassen. Wie erleben Sie die Situation?

„Derzeit steht bei diesen Menschen das ganz Grundsätzliche im Vordergrund. Sie brauchen zu essen, ein Dach über dem Kopf – das Überlebensnotwendige. Jene, die schon seit ein paar Monaten hier leben, fragen dann auch nach Bildungsangeboten für die Kinder oder solche Dinge, aber die Neuankömmlinge wollen erst einmal das Nötigste zum Leben. Aus meiner Sicht als Zahnarzt heisst das: Es stehen die unaufschiebbaren Probleme im Vordergrund. Sie haben Zahnweh und sie möchten, dass ich diesen Schmerz stille. Es geht nicht um Zahnkorrekturen oder kosmetische Eingriffe. Sie wollen nur, dass der Zahnschmerz aufhört.“

Worunter leiden die Menschen am meisten?

„Sehr oft ist es die ökonomische Situation. Sie haben alles in Syrien zurücklassen müssen. Vor einer Woche war eine Frau da, die hat mir wirklich das Herz gebrochen. Ihr Sohn hat die Arbeit verloren. Wissen Sie, leider nutzen einige Jordanier die Situation der Flüchtlinge aus, zahlen wenig und halten sich nicht an die Abmachungen. Im Gespräch frage ich sie, was sie denn heute essen werde? Sie sagte: Heute gibt es nichts, wir haben kein Geld, ich muss ja Sie bezahlen. Mal sehen, was der morgige Tag bringt. Ein Mann weint nicht, aber da hätte ich wirklich fast angefangen zu weinen – und ich habe sie natürlich kostenlos behandelt.“

Konnten sie ihr helfen?

„Ich konnte ihr immerhin die Zahnschmerzen nehmen und sie kostenlos behandeln. So konnte sie ihre wenigen Dinare, die sie noch für den Rest des Monats aufgespart hat, behalten. Auf diese Weise habe ich immerhin einen Teil ihrer Probleme lösen können.“

Belasten Sie solche Situationen, solche Fälle?

„Ja, es macht mich traurig. Menschen, die Zahnschmerzen haben, auch noch unter den harten Lebensbedingungen leiden zu sehen, ertrage ich manchmal fast nicht mehr. Diese Menschen wissen nicht, was sie essen sollen, sie wissen nicht, wie sie die Miete bezahlen können, sie können die Kriegserlebnisse nicht vergessen – da muss ich mich wirklich herausnehmen, sonst ertrage ich es nicht mehr. Und manchmal überkommt es mich, da denke ich mir, jetzt schmeiss ich alles hin, mache eine normale Zahnpraxis auf, in einem schönen Viertel von Zarqa, habe eine andere Klientel . . .“

Und dann?

„Dann führe ich mir die Worte von Ghandi vor Augen: Sei Du die Veränderung, die Du Dir für diese Welt wünschst. Bisher war das dann für mich immer der Grund, weiterzumachen wie bisher. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.“

Text: Livia Leykauf /Bild: Livia Leykauf

 

 

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