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Kontinuierliche Weiterbildungsangebote bei starker Lese- und Schreibschwäche

Mit bedürfnisorientierter Weiterbildung gegen Armut - Mediendienst 10/2016

In der Schweiz gibt es zwischen 500‘000 und 800‘000 Menschen mit einer starken Lese- und Schreibschwäche – sogenannte Illettristinnen und Illettristen. Vielfach handelt es sich bei den Betroffenen um ältere oder geringqualifizierte Personen. Für sie braucht es angemessene Weiterbildungsangebote. Denn so können sie ihr Potenzial einer längerfristigen Integration in den Arbeitsmarkt vergrössern und dadurch ihr individuelles Armutsrisiko verringern. Die Umsetzung des Weiterbildungsgesetzes bietet diesbezüglich Chancen.

Lesen und Schreiben gehören in modernen Gesellschaften zu selbstverständlichen Fähigkeiten. In nahezu jedem Beruf sind diese Grundkompetenzen gefragt. Sie stellen wichtige Voraussetzungen für eine Anstellung dar. Illettristinnen und Illettristen wird genau dies zum Verhängnis. Denn ihnen fehlen – trotz obligatorischer Schulbildung – ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen. Zwar erkennen sie einzelne Buchstaben, haben aber Schwierigkeiten, einfache Texte lesen, schreiben und verstehen zu können. Studien zeigen: Jede sechste Person ist davon tangiert. Ein Grundschulabschluss garantiert also kein lebenslanges Beherrschen von Grundkompetenzen.

Stetiger Kompetenzwandel und erhöhte Vulnerabilität auf dem Arbeitsmarkt

Insbesondere in handwerklichen Berufen und Beschäftigungen von Niedrigqualifizierten werden Lese- und Schreibkompetenzen kaum oder nur unregelmässig gebraucht und gehen häufig verloren. Es ist deshalb wenig überraschend, dass der prozentuale Anteil an sogenannten «funktionalen Analphabeten» deshalb mit dem Alter zunimmt. Kommt hinzu, dass sich gleichzeitig die Ansprüche an die Fähigkeiten der Arbeitnehmenden verändert haben: Heutzutage gehören das ausführliche Rapportieren und Dokumentieren von Arbeitsschritten zu gängigen Arbeitsprozessen. Überdies sind im Zuge der Digitalisierung der Arbeitswelt neue Kompetenzanforderungen hinzugekommen. Diese Umstellung fällt älteren Arbeitenden schwerer. Gegenüber anderen oder jüngeren Kolleginnen und Kollegen sind sie immer weniger konkurrenzfähig. Damit steigt die Gefahr, den Arbeitsanforderungen nicht mehr zu genügen oder die Beschäftigung zu verlieren.

Illettrismus macht verletzlich: Das individuelle Risiko, arbeitslos oder mit prekären Arbeitsverhältnissen konfrontiert zu sein, erhöht sich frappant. Oftmals finden Betroffene ohne externe Unterstützungsangebote keinen Ausweg aus ihrer Situation, sie schämen sich für ihre Lese- und Schreibschwäche und ziehen sich zurück. Es besteht deshalb Handlungsbedarf.

Gewährleistung eines kontinuierlichen Weiterbildungsangebots auf tiefen Bildungsstufen

Als längerfristige Lösung für die Bewältigung von Illettrismus braucht es ein kontinuierliches Weiterbildungsangebot. Dies ermöglicht, dass Arbeitnehmende ihre Kompetenzen parallel zu den Ansprüchen des Arbeitsmarkts entwickeln können. Bisher waren Weiterbildungskurse vorab jenen vorbehalten, die bereits über ausreichende Kompetenzen in Lesen und Schreiben und eine solide Ausbildung verfügten. Bedürfnisorientierte Weiterbildung für Niedrigqualifizierte hatte bislang Seltenheitswert.

Eine Chance, dies zu revidieren, bietet aktuell die Umsetzung des Weiterbildungsgesetzes. Im revidierten Gesetz über die Weiterbildung und in der entsprechenden Verordnung für das Förderungskonzept zur Bekämpfung des Illettrismus wurde der explizite Handlungsbedarf in der Förderung von wesentlichen Lese- und Schreibkompetenzen festgehalten. Aktuell stehen die Verhandlungen zu ihrer Umsetzung zwischen Bund und Kantonen an. Der Ausgang dieser Verhandlung wird sich entscheidend auf die Situation von Personen mit substanzieller Lese- und Schreibschwäche auswirken. Dabei gilt es, zielgruppenspezifische Angebote zu entwickeln und den Zugang für alle Interessierten zu gewährleisten.

 

 

Kantone und Unternehmen in die Pflicht

 

Möglichkeiten zur Weiterbildung entscheiden sich nicht selten übers Portemonnaie. Gerade Personen mit schlecht bezahlter Beschäftigung können sich diese häufig nicht leisten. Die Finanzierungsfrage wird deshalb bei der Umsetzung des Weiterbildungsgesetzes massgeblich sein. Hier liegt zum einen die Verantwortung bei den Kantonen, da sie durch niederschwellige Weiterbildungsangebote in grundlegenden Lese- und Schreibkompetenzen ihrem Auftrag der Armutsbekämpfung- und verhinderung sowie der beruflichen Integration nachgehen würden. Zum andern sind die Unternehmen gehalten, mehr Verantwortung zu übernehmen und auch niedrigqualifizierten Angestellten und Personen mit starker Lese- und Schreibschwäche gezielt und kontinuierlich Weiterbildungen anzubieten und sie finanziell zu unterstützen. Eine bedürfnisorientierte Schulung für Mitarbeitende wäre schliesslich auch im Interesse ihrer personellen und unternehmerischen Weiterentwicklung.

 

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