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Jeder Tag eine neue Herausforderung

Zwei befreundete syrische Familien schlugen sich über verschiedene Wege bis nach Griechenland durch. Dort harren sie im Lage in Idomeni aus und sind auf das Wohlwollen anderer angewiesen. Ohne die Lebensmittel, die ihnen die griechische Bevölkerung und die Caritas geben, wüssten sie nicht, wie sie durchkommen sollten.

Familienmitglieder verschiedenen Alters sitzen zusammen um ein Feuer, auf der Glut ein Kessel gefüllt mit heissem Wasser, Papierbecher mit frisch gebrühten Kaffee. Was wie ein Camping-Ausflug von befreundeten Familien aussieht, ist in Wirklichkeit ganz anders: Die Familien kommen alle aus Palmyra, der Stadt in Syrien, die von Assad al Bashar‘s Armee und der ISIS völlig zerstört wurde.

Jetzt leben sie im Flüchtlingscamp in Idomeni, an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Als Sitze dienen unbequeme Tragbahren und kaputte Stühle, die mit Ästen und Stofffetzen behelfsmässig geflickt wurden. Lama Al Khateeb und Ibtesam Al Arouk, zwei Frauen in der Gruppe, erzählen mir von ihrer Flucht.

Im Mai 2015 ist die ISIS in Palmyra einmarschiert. Schon am ersten Tag brachten sie etwa 4000 Männer, Frauen und Kinder um. Lama erzählt, wie überall auf den Strassen die Toten lagen. Alle Frauen wurden dazu aufgerufen, den „Khimar“ tragen, eine schwarze Ganzkörperbekleidung, und dabei auch das ganze Gesicht und die Hände bedecken. Wer sich den Anordnungen des ISIS entgegenstellte, wurde umgebracht.

Bei den Bombardements der Stadt durch die Regierungstruppen, wurde das Haus von Lama und Ibtesam vollkommen zerstört. Die beiden Familien entschlossen sich deshalb, Palmyra zu verlassen und verkauften alles, was sie noch hatten. Alle Ausfahrtsstrassen von Palmyra wurden durch die ISIS-Truppen abgeriegelt; der einzige mögliche Weg, war über die Strasse nach Rakka, der damaligen Hauptstadt des ISIS. Von Rakka marschierten Lama und ihre Familie acht Stunden zu Fuss bis zur türkischen Grenze. Die Familie von Ibtesam wählte die Route über die Stadt Idlib, wo sie die Grenze überquerten. In der Türkei verkaufte Lama all ihren Schmuck, um die Überfahrt von Izmir nach Griechenland für sich, ihren Mann und ihre vier Kinder zahlen zu können. Ibtesam hatte keinen Schmuck, den sie hätte verkaufen können. Sie und ihre Familie mussten in der Türkei neun Monate lang arbeiten, um das Geld zusammenzubringen. 700 Euro kostete die Überfahrt pro Person. 50 Personen wurden in das etwa 7 Meter lange Boot gepfercht. Lama erinnert sich genau an den Tag: es war der 14. Februar 2016. Zum Glück war das Meer an jenem Valentinstag ruhig, und sie kamen nach einer Stunde an der griechischen Küste an. Nach einer Woche auf der Insel Lesbos nahmen sie das Schiff nach Piräus, wo sie einige Tage im Hafen schliefen, bevor sie mit dem Bus in den Norden reisten.

Nun sind sie schon 45 Tage in Idomeni. Die Männer schlafen draussen in den Zelten, die Frauen alle zusammen in dem schmutzigen Raum eines alten, zerfallenen Gebäudes. Es fehlt ihnen an allem: an Kleidern, Lebensmitteln, an einer Unterlage zum Schlafen. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Aber mit Hilfe von Spenden, die ihnen andere geben, kommen sie durch. Lama lobt die griechischen Familien aus der Umgebung, die immer wieder Essen und Hygieneartikel vorbeibringen. Und jeden Tag stehen Lama und ihre Töchter in der Schlange vor dem Kleinbus von Caritas Griechenland, um eines der von der Caritas verteilten Lebensmittelpakete für ihre Familie zu ergattern. Mehrmals während ihrer Schilderung beginnt Lama zu weinen. Der Gedanke zurück an das Leben in Palmyra und an all das, was sie verloren hat, ist für sie fast unerträglich.

Text: Pamela Stathakis, Caritas Schweiz Bild: Flüchtlinge auf Lesbos, Lefteris Partsalis

 

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