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«Ich habe kein Zeitgefühl mehr»

Ende Januar floh die 36-jährige Mutter Sultana aus Mazar-i-Sharif im Norden Afghanistans. Zu gross war der Druck geworden, den die Taliban ausübten, zu beängstigend die Bedrohungen. «Nur weil mein Vater für die Regierung in Kabul arbeitet», erklärt Sultana.

Wir treffen Sultana im Speisesaal eines der beiden Hotels, die Caritas Griechenland im Zentrum von Athen anmietet. 220 Betten stehen hier im Hotel zur Verfügung, in dem Sultana und ihre drei Kinder – ihr ältester Sohn Mirwaïs, 13 Jahre alt, ihre neunjährige Tochter Fereshta und der kleine sechsjährige Mohamad - schlafen. Ende Januar floh die 36-jährige Mutter aus Mazar-i-Sharif im Norden Afghanistans. Zu gross war der Druck geworden, den die Taliban ausübten, zu beängstigend die Bedrohungen. „Nur weil mein Vater für die Regierung in Kabul arbeitet“, erklärt Sultana. Und auch, weil sie und ihr Mann ihre Kinder in die Schule schickten wollten. Ihr Mann besass einmal einen Verkaufsstand auf dem grössten Markt in Mazar. Er hat ihn nicht mehr. Und seit ihrer Flucht hat Sultana auch kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten.

Sultana hat fast jugendliche Gesichtszüge, die ihr schwarzer Schleier noch unterstreicht. Aber ihr Blick verrät ihre ständige Unruhe und Nervosität. Ihre Augen sind ständig voller Tränen, die sie zurückzuhalten versucht. Ihre Kinder spielen neben ihr mit jungen schwedischen Freiwilligen. An den Nachmittagen verwandelt sich der Hotelspeisesaal in einen Kindergarten.

Neun von zehn Flüchtlingen kommen aus Afghanistan. Die meisten Menschen sind aus Syrien und dem Irak. Sie sind die grösste Gruppe der in Griechenland ankommenden Migranten, und sie setzen ihren Weg meist in Richtung Norden fort in der Hoffnung, dass sich die Grenze nach Mazedonien bald wieder öffnet.

Nach einem kurzen Blick auf ihre Registrierungspapiere setzt Sultana ihre Erzählung fort: „Es tut mir leid, ich habe überhaupt kein Zeitgefühl mehr“. Aber sie erinnert sich noch gut daran, dass sie noch vor einigen Tagen mit rund 25 anderen Migranten auf einem kleinen Boot war, das zwischen der türkischen Grenze und der Insel Samos in Seenot geriet, und ein Frontex-Schiff ihnen zu Hilfe kam. Sechs Stunden in einem vollkommen überladenen Boot, das schon vor der Überfahrt unter Wasser stand. Die Augen von Sultana leuchten plötzlich auf: „Ich habe einen Bruder, der vor zwei Jahren nach Schweden floh.“ Er war aufgrund der Repressalien der Taliban nach Indien geflohen.

Der Verantwortliche der Unterkunft sagt uns, dass Sultana sicherlich versuchen wird, sich auf eigene Faust über einen der Grenzübergänge nach Nordeuropa durchzuschlagen.

 

Text: Fabrice Boulé, Caritas Schweiz
Bild: Sultana spielt mit ihren drei Kindern. Sie möchte ihr Gesicht nicht unverhüllt zeigen aus Angst vor möglichen Repressalien in Afghanista; 
Lefteris Partsalis

 

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