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Hotelbetten für Flüchtlinge

Mandy Zeckra ist verantwortlich für die Planung und Umsetzung der Nothilfe in Griechenland. Caritas Schweiz stellt dort in Zusammenarbeit mit Caritas Hellas (Caritas Griechenland) Unterkünfte und Hilfsgüter für besonders bedürftige Flüchtlinge bereit. Im Interview gibt sie Auskunft über das Projekt.

Frau Zeckra, Sie waren vor einigen Tagen vor Ort in Lesbos. Welche Eindrücke haben Sie gewonnen? Wie ist aktuell die Situation? Auch wenn die Flüchtlingskrise mehr und mehr durch andere tagesaktuelle Themen im öffentlichen Bewusstsein verdrängt wird, der Flüchtlingsstrom ist weiter ungebrochen. Besonders prekär ist, dass es keine anderen sicheren Wege für diese Menschen gibt und sie ihr Leben riskieren. Dass sich das mitten in Europa abspielt und sich an der Situation seit Monaten nichts verändert, ist bedrückend. Die Hilfe vor Ort konnte in den vergangenen Wochen massiv verbessert werden – sie ist aber weiterhin unzureichend.

Um wie viele Flüchtlinge handelt es sich? Kann man die mittelfristige Entwicklung abschätzen? Allein an den Küsten der Insel Lesbos treffen tagtäglich bis zu 100 Boote mit gesamt circa 3000-4000 Menschen ein. Der einbrechende Winter erschwert die Überfahrt, damit wird dieser Weg immer gefährlicher. Ein merklicher Rückgang ist bisher nicht zu verzeichnen. Es ist schwer Prognosen für die kommenden Monate aufzustellen, aber alle involvierten Hilfsorganisationen und das UN-Flüchtlingshilfswerk gehen davon aus, dass der Zustrom auch über den Winter ungebrochen sein wird.

Wo werden die Flüchtlinge bisher untergebracht? Wer versorgt sie? Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat aktuell rund 2500 Schlafplätze in Zelten bereitgestellt, weniger als die Hälfte davon sind winterfest. Eine einfache Rechnung ergibt, dass das nicht annähernd reicht. Diejenigen, die keinen Platz in den Zelten finden, müssen im Freien übernachten oder ergattern eines der einfachen Igluzelte, die von Freiwilligen verteilt werden. Die Flüchtlinge bleiben meist 2-3 Nächte, bevor sie nach der Registrierung versuchen, mit einer Fähre aufs Festland zu kommen. Internationale Hilfsorganisationen, aber auch viele Freiwillige verteilen Essen, Kleidung und Decken.

Wie verhält sich die griechische Bevölkerung? Kommt es zu Engpässen auch dort? Die griechische Regierung und die Bevölkerung werden durch die Situation hart getroffen. Griechenland befindet sich in der grössten wirtschaftlichen und finanziellen Krise in seiner jüngeren Geschichte. Ressourcen sind rar, das Sozialsystem ist bereits vollkommen überlastet. Die Angst in der Bevölkerung, dass auf der Balkanroute aus politischen Erwägungen die Grenzen geschlossen werden und die Flüchtlinge dann in Griechenland stranden, ist allgegenwärtig.

Woran mangelt es im Moment am meisten? Ein sehr hoher Bedarf besteht für uns momentan an winterfesten Unterkünften, an ausreichender Versorgung, zum Beispiel mit Sanitäreinrichtungen und der Bereitstellung umfangreicher Informationen für die Flüchtlinge, zu Reisewegen, Rechten und Pflichten. Wenn sich die Weiterreise auf das Festland verzögert, kann die Lage aufgrund von Überfüllung schnell prekär werden. Insbesondere alte und behinderte Menschen und Familien mit kleinen Kindern benötigen spezifische Unterstützung. Desto früher wir den Menschen helfen, desto besser können sie die Strapazen überstehen. Es geht darum, Leid zu lindern und einen menschenwürdigen Aufenthalt auf europäischem Boden zu gewährleisten.

Caritas stellt Unterkünfte für die Flüchtlinge bereit. Was sind das für Unterkünfte? Was plant Caritas neben den Unterkünften noch? Im Rahmen dieses Projekts geht Caritas Kooperationen mit Hotelanlagen in Lesbos und Athen ein. Insgesamt werden 440 Betten für besonders bedürftige Flüchtlinge für jeweils für 2-3 Nächte bereitgestellt. Wir fokussieren uns dabei auf Flüchtlinge, die keine finanziellen Mittel haben und als besonders bedürftig gelten. Das sind Familien mit kleinen Kindern, ältere und behinderte Personen, Schwangere und allein reisende Frauen. Neben Unterkunft und Essen, bieten wir die Möglichkeit an, die Kleider zu waschen und stellen Informationen bereit. Für die Kinder werden Rückzugsräume mit Spielzeug und Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten. An der Grenze zu Mazedonien übernehmen wir ausserdem die Bereitstellung und Instandhaltung von Toiletten und Duschen.

Was ist mit den Hotels, wenn die Urlaubszeit wieder beginnt? Erhalten die Hoteliers für die Beherbergung der Flüchtlinge eine Entschädigung? Das Projekt ist bewusst ausgelegt auf die Bereitstellung von Winterunterkünften, da zu diesem Zeitpunkt die Witterungsbedingungen besonders harsch sind und gleichzeitig die Hotels kaum oder keine Gäste beherbergen und häufig geschlossen bleiben. Ende April wollen die Hotels dann wieder zum regulären Geschäft zurückkehren. Doch ist die Aussicht auf die kommende Sommersaison für viele Hoteliers ungewiss. Rückläufige Gästezahlen und steigende Steuern machen ihnen Sorgen. Die Entschädigung, die die Hotels über das Projekt erhalten, decken lediglich die Betriebskosten. Der Preis pro Bett liegt daher weit unter den sonst angesetzten Preisen.

Wie erfolgt die Versorgung der Flüchtlinge und wer dabei kommt zum Einsatz? Für die Verpflegung werden die Hotelküchen genutzt. Für die erfolgreiche Umsetzung des Projekts kommen ganz verschiedene Arbeitskräfte zum Einsatz, wie Übersetzer/innen, oder auch Sozialarbeiter/innen, die in der Betreuung traumatisierter Menschen eingehende Erfahrung haben. Gleichzeitig sind viele Freiwillige involviert, die Kleider und andere Hilfsgüter verteilen. Ob angestellt oder freiwillig arbeitend: Die meisten stammen aus der lokalen Bevölkerung. So können zeitweise Arbeitsplätze geschaffen werden, und die Bevölkerung wird aktiv in die Bewältigung der Situation eingebunden.

Das Interview führte Ulrike Seifart, Caritas Schweiz

 

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