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Hauptbeschäftigung: langweilen

Etwa 20 Frauen und Männer sitzen im Caritas Zentrum in Zarqa, um zum Zahnarzt zu gehen. Eine junge Frau verfolgt aufmerksam meine Arbeit, bis sie sich traut, mich auf Englisch anzusprechen. Ich bin erstaunt, denn bisher hat noch kaum jemand aus Syrien Englisch mit mir gesprochen. «Ich liebe Englische Literatur», erklärt sie mir. Es sprudelt richtig aus ihr heraus. «Es ist so schön, Englisch zu reden. Seit ich aus Syrien geflohen bin, habe ich mit niemandem mehr Englisch gesprochen. Nur englische Filme im Fernsehen geschaut und Bücher gelesen. Lesen Sie auch gerne?»

Die junge quirlige Frau heisst Nour, ist 20 und kommt aus Deraa. Sie hatte in Syrien gerade die Aufnahmeprüfung für die Universität bestanden, da mussten sie das Land verlassen. Die erste Station in Jordanien war das Flüchtlingslager Zaatari. «Das war schlimmer als schrecklich.» Dann zog die Familie nach Zarqa. Hier wohnen sie in einer kleinen, alten Wohnung. «Hoffentlich ziehen wir bald um.»

Nour ist ungewöhnlich, sie spricht unverblümt und offen, kichert immer wieder mit ihrer Schwester und ihrer Mutter, die sie zum Zahnarzt begleiten. «Alleine dürfen wir nicht aus dem Haus. Die Menschen hier sind so anders. Alles ist so fremd in Jordanien. Meine Eltern haben Angst.» Sie darf auch nicht an die Universität. «Eigentlich finden meine Eltern es wichtig, dass wir etwas lernen und studieren. Aber nicht hier.» Was sie denn sonst den ganzen Tag so tue, frage ich sie. «Ich langweile mich. Mein Tagesablauf ist aufstehen, essen, langweilen und schlafen. » Freunde hat sie hier keine. Wahrscheinlich sind ein paar Kollegen aus Syrien auch in Zarqa, «aber ich habe ihre Nummer nicht», sagt sie lapidar. «Ausserdem dürfen wir eh nicht aus dem Haus. Es ist so ein bisschen wie im Gefängnis.» Sie lacht trotzdem.

Sie erzählt von den Missiles und Gefechten in Deraa. Den vielen jungen Toten. Sie will diese Bilder aber vergessen und schaut keine Nachrichten mehr. Sie will Syrien schön in Erinnerung behalten. Irgendwann will sie auch wieder zurück. Aber, sagt sie, danach sehe es «derzeit nicht wirklich» aus. «Also warte ich. Ich warte auf Frieden. Ich warte, dass der Krieg aus ist. Ich warte, dass ich wieder nach Syrien kann. Warten ist jetzt mein Beruf.» Dabei wollte sie immer Englischlehrerin werden.

Text: Livia Leykauf-Rota, Caritas Schweiz / Foto: Livia Leykauf-Rota

 

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