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Günstiger Wohnraum entschärft die Armutssituation

Grenchner Wohntage vom 8. bis 15. November - Mediendienst 10/2017

Nach dem kürzlich in Luzern durchgeführten Forum der Schweizer Wohnbaugenossenschaften machen auch die Grenchner Wohntage vom 8. bis zum 15. November das Thema Wohnen, seine gesellschaftliche Funktion und den Bezug zur Armut zum Thema. Für Caritas Schweiz sind diese beiden Veranstaltungen Anlass, auf die ungenügende Wohnversorgung von Armutsbetroffenen und deren Ursachen aufmerksam zu machen.

Wohnen ist ein Grundbedürfnis, das massgeblich über unsere Zufriedenheit, Lebensqualität und Würde mitentscheidet. Wie und wo wir wohnen, prägt unsere gesamte Lebenssituation. Eine Wohnung bietet Schutz und Geborgenheit. Sie ist gleichzeitig Rückzugsort und Ort für soziale Beziehungen. Die Versorgung mit gutem Wohnraum ist deshalb zentral. Armutsbetroffenen ist dies jedoch nicht garantiert. Darauf weist Caritas seit einigen Jahren hin. Erhärtet hat diese Einsicht eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz zur Wohnversorgung in der Schweiz, die im Rahmen des Nationalen Armutsprogramms erstellt wurde.

Zu hohe Wohnkosten sind die Hauptursache für die ungenügende Versorgung. In einem ausgeglichenen Haushaltsbudget macht die Mietbelastung nicht mehr als 30 Prozent des Einkommens aus. 82 Prozent aller Armutsbetroffenen geben jedoch mehr als einen Drittel fürs Wohnen aus. Die überdurchschnittliche Belastung durch Wohnkosten müssen sie an anderen Orten einsparen. Für viele bedeutet dies, auf Ferien zu verzichten, die gesunde Ernährung zurückzustellen oder Freizeitaktivitäten wegzusparen. In einer bereits angespannten finanziellen Lage können steigende Mietkosten gar dazu führen, dass Menschen ihre Wohnung verlieren, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können.

In der Schweiz mangelt es an preisgünstigem Wohnraum. Zwar ist die Anzahl der leerstehenden Wohnung etwas angestiegen, doch gilt dies nicht für das unterste Preissegment, wie der im Juni publizierte Monitor des Bundesamtes für Wohnungswesen zeigt: Ein Überangebot an Wohnungen besteht vor allem im oberen Preissegment. Von einer Entspannung des Wohnungsmarktes kann daher keine Rede sein.

Armutsbetroffene werden verdrängt

Im Gegenteil wird es für Armutsbetroffene zunehmend schwieriger, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Dabei spielt auch die Sozialhilfe eine Rolle: Setzt sie die Mietzinsgrenzen in ihrer Gemeinde zu tief an, finden Sozialhilfebeziehende zu diesen Mietvorgaben keine Wohnung. Sie werden gezwungen, in andere Gemeinden oder Kantone mit günstigerem Wohnraum abzuwandern. In den Beratungsstellen der Caritas zeigt sich, dass Armutsbetroffene schon wegen 50 Franken höherer Mieten zum Umzug gezwungen werden. Dies kann auch eine Familie betreffen, ungeachtet dessen, dass die Kinder durch einen Wegzug die Schule wechseln müssen. Armutsbetroffene sind mancherorts nicht erwünscht und werden über eine aktive Verknappungspolitik von günstigen Wohnungen verdrängt. In den letzten Jahren sind wiederholt Beispiele bekannt geworden, wo Gemeinden Liegenschaftsbesitzer dazu aufgefordert haben, nicht an Sozialhilfebeziehende zu vermieten oder ihren günstigen Wohnraum abzureissen und mit Neubauten Gutverdienende anzulocken.

Tiefsteuerpolitik und Wohnraumbedarf treiben Mieten in die Höhe

Die Mangelsituation an günstigen Wohnungen wird zusätzlich durch den kantonalen Steuerwettbewerb verschärft. Mit einer Tiefsteuerpolitik bezwecken einige Kantone, Wohlhabende anzuziehen und damit die kantonale Finanzlage zu verbessern. Als Folge zeigt sich, dass tiefe Steuern für Wohlhabende die Mietpreise in den jeweiligen Gemeinden und Kantonen in die Höhe treiben. Dadurch werden Armutsbetroffene und Personen mit geringen finanziellen Mitteln aus den betroffenen Regionen verdrängt. Häufig arbeiten Armutsbetroffene in der Tieflohnbranche der persönlichen Dienstleistungen wie beispielsweise der Betreuung von Pflegebedürftigen oder Kindern oder der Reinigungsbranche. Ihre Dienste werden trotz der steigenden Mieten in den Tiefsteuerzentren nachgefragt. Für die Betroffenen, die sich die lokalen Mieten nicht mehr leisten können, bedeutet das nicht selten längere Arbeitswege, höhere Mobilitätskosten und mehr Stress.  

Verantwortlich für die Verknappung des preisgünstigen Wohnraums ist auch der wachsende Bedarf an Wohnfläche pro Person. Im Jahr 2015 betrug sie durchschnittlich bereits 45 Quadratmeter. Ursache hierfür ist neben dem wachsenden Raumanspruch der Wohlhabenden auch der ständig wachsende Anteil an Einpersonenhaushalten. Und schliesslich besteht wegen fehlender Alternativen eine geringe Mobilität. Wer einmal in einer günstigen Wohnung wohnt, bleibt auch dort, selbst wenn die 5,5-Zimmerwohnung nach dem Wegzug der Kinder etwas gross erscheint.

 Selbst wenn günstiger Wohnraum vorhanden ist, heisst dies noch nicht, dass er Armutsbetroffenen zugute kommt. Günstiger Wohnraum steht nicht immer denjenigen offen, die ihn am nötigsten brauchen. Viele preisgünstige Wohnungen werden gar nicht mehr ausgeschrieben, sondern unter der Hand – unter Freunden – in sozialen Netzen weitergereicht.

Was ist zu tun?

Damit Armutsbetroffene günstige und qualitativ gute Wohnungen erhalten, braucht es unterschiedliche Massnahmen. Bund, Kantone und Gemeinden müssen Lösungen bereitstellen, um günstige Wohnungen zu erhalten und den gemeinnützigen Wohnungsbau sowie alternative Wohnmodelle so zu fördern, dass Armutsbetroffene auch wirklich Zugang haben. Armutsbetroffene müssen aber je nach Bedarf und Situation bei der Wohnungssuche auch begleitet und unterstützt werden, beispielsweise mit Mietzinsgarantien. Und nicht zuletzt können Genossenschaften einen wichtigen Beitrag leisten. Sie besitzen schweizweit 150’000 Wohnungen. Würden sie nur fünf Prozent gezielt an Armutsbetroffene vermieten, könnten sie innert kurzer Zeit 7500 Wohnungen anbieten. 

 

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