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Grossmutter Courage

Hannah überzeugte ihren Sohn, vor seiner Flucht aus Syrien noch sein Medizinstudium abzuschliessen. Das war eine gute Entscheidung.

Mit ihrer Flucht aus Syrien hat Hannah*, 56 Jahre alt, alles verloren. Oder fast alles. Denn sie, ihre Kinder, ihre Schwiegertochter und ihre einjährige Enkeltochter Lena* leben noch. Obwohl sie auf der Flucht sind, mit der Ungewissheit als ständiger Begleiter und das Leiden kein Ende zu nehmen scheint, schafft es Hannah trotzdem, uns zum Lachen zu bringen, als sie uns über ihre Flucht aus Syrien berichtet.

Diese Lebenskraft, dieser Wille, sich den Herausforderungen zu stellen, gab Hannah ihrem Sohn Mohamad* weiter. Seine Lebensaufgabe ist die Medizin. Er will sein Leben einsetzen, um kranken Menschen zu helfen. Mohamad ist zwar erst 24 Jahre alt, aber das Leben hat ihm zwangsläufig eine sehr viel grössere Lebenserfahrung gegeben, als das in diesem Alter üblich wäre. Anfang März trafen wir Hannah und ihre Familie an der Rezeption eines Hotels im Zentrum Athens.

Eine griechische Hilfsorganisation hatte ihnen die Unterkunft organisiert. Auch Caritas stellt solche Unterkünfte für besonders verletzliche Flüchtlinge, wie alleinerziehende Mütter, Familien mit kleinen Kindern, alte Menschen, Kranke und Behinderte, bereit. Mohamad sahen wir am Vorabend zum ersten Mal am Terminal 1 des Hafens von Piräus. Das Terminalgebäude dient als Unterkunft für Flüchtlinge. Tag für Tag engagieren sich hier viele freiwillige Ärzte und Pflegefachleute, um die Flüchtlinge zu versorgen. Vor seiner Flucht aus Syrien hatte Mohamad mitten im Krieg sein Medizinexamen bestanden. Die letzten drei Jahre arbeitete er als Freiwilliger für die syrisch-arabische Hilfsorganisation roter Halbmond. „Ich wollte unbedingt, dass Mohamad vor der Flucht sein Studium abschliesst“, erzählt Hannah.

Hannah ist Witwe. Ihr Mann war Ingenieur und starb vor Ausbruch des Krieges. Die Familie lebte in Deir ez-Zoor im Osten des Landes. Assad liess diese Stadt von seinen Truppen zerstören, um die freie syrische Armee aus ihr zu vertreiben. Was noch stehen blieb, wurde von den Terroreinheiten des Islamischen Staats dem Erdboden gleichgemacht, der alle tötet, die sich nicht seinen Gesetzen beugen. „Es sind einfach Banditen, es geht ihnen nur um Geld“, so der Kommentar von Mohamad. „Meine Enkelin wurde am ersten Tag der Belagerung durch die Islamisten geboren. In den folgenden Wochen sind Menschen verhungert“, erinnert sich Hannah.

Sie hatten Glück. Dem Himmel sei gedankt. Sie, ihre Schwiegertochter und das Baby konnten in Damas Zuflucht finden. Der jüngste Sohn, der noch minderjährige Adnan, musste in Deir Ez-Zoor bleiben. Die übrigen Familienmitglieder konnten dank ihrer Pässe über den Libanon und Jordanien in die Türkei fliehen. Von der Türkei aus machte sich Hannah auf den Weg, um ihren jüngsten Sohn aus Deir Ez-Zoor herauszuholen. „Schreiben Sie“, so Hannah voller Wut, „dass uns an der letzten Grenzkontrolle vor der Türkei ein syrischer Soldat nur gegen 1000 Dollar passieren liess und meinen Sohn auch noch geschlagen hat. Schreiben Sie das!“

Der Familie war sehr schnell klar, dass sie nur ausserhalb der Türkei eine Zukunft aufbauen konnte. Mit einem Schlauchboot machten sie sich auf die gefährliche Überfahrt auf die griechische Insel Samos. Der Motor hatte eine Panne und niemand steuerte das Boot. „Wir hatten vor nichts mehr Angst“, so Mohamad fast ironisch, „dazu waren wir in Syrien schon zu oft gestorben!“

Am 30. März konnten wir Hannah und ihren Sohn telefonisch erreichen. Sie sind immer noch in Athen, aber die Neuigkeiten lassen hoffen. Mohamad glaubt, der er bald einen positiven Asylbescheid für Frankreich bekommt. Hannah wartet auf eine Entscheidung aus Deutschland. Ihr Ziel ist, zu Adnan zu reisen, ihrem 16-jährigen Sohn, der in einem Heim für minderjährige Flüchtlinge in Dresden lebt.

*Vornamen geändert.

 

Text:  Fabrice Boulé, Caritas Schweiz
Foto: Lefteris Partsalis

 

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