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Etwas Wärme

Caritas Mitarbeiterin Irene Broz sprach mit Flüchtlingen in Mazedonien. Die Worte, die dabei am meisten fielen, waren „kalt“ und „warten“. Mit so einfachen Dingen wie Suppe und Tee bekommen die Menschen nicht nur Wärme sondern auch ein Stück Würde zurück.

Die Winter im Balkan sind kalt. Es ist eine Kälte, die in die Knochen geht und dort bleibt. Noch ist er nicht wirklich da, es kommt noch schlimmer. Es sind helle und meist sonnige Tage in Gevgelija, aber der Wind bläst stark und unaufhörlich.

„Seit Stunden warten wir hier“, sagt Adnan, ein junger Mann aus Syrien. Er zeigt mir einen Zettel mit einer Nummer darauf. „Sie haben mich registriert und gaben mir den Zettel. Doch seitdem sind Stunden vergangen. Einen Zug habe ich schon verpasst, ich hoffe, dass ich den nächsten kriegen kann, denn es ist kalt hier und es wird bald dunkel“, sagt er mit sorgenvollem Blick zum Himmel.

Als ich mit anderen Flüchtlingen aus Syrien, Irak und Afghanistan sprach, stiess ich immer auf die Worte „kalt“ und „warten“. Wir sind in einem grossen Zelt in einem Flüchtlingslager an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien. Hier treffen die Flüchtlinge von Griechenland aus ein, lassen sich bei der Polizei registrieren und nehmen dann den nächsten überfüllten Bus oder Zug.

Im Zelt stehen ein paar elektrische Öfen. Doch es ist fast ein sinnloses Unterfangen, hier Wärme reinzubringen. Das ist der Ort, an dem die Flüchtlinge während der Registrierung warten. Ein weiteres, ähnliches Zelt gibt es bei den Bahngleisen.

„Können Sie mir sagen, wie lange es dauern wird? Meine Familie hat Angst“, fragt mich ein afghanischer Flüchtling, der mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Mädchen wartet. Ich kann ihm leider keine Antwort geben. Es ist schwer vorauszusagen, wie lange die Registrierung dauern wird und die Züge haben zudem keinen festen Fahrplan. Ein Umstand, der die Flüchtlinge noch weiter verunsichert, nach ihrer schwierigen und gefährlichen Flucht.

Begonnen hat der Exodus im Juli und erreichte seinen traurigen Höhepunkt mit 9000 neuen Flüchtlingen pro Tag im vergangenen Oktober. Mittlerweile ist die Zahl auf 2500 bis 3000 gesunken. Zurückzuführen ist das auf die Entscheidung einiger Balkan-Länder, die Grenzen für sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu schliessen. Das umfasst alle, die nicht aus Syrien, Irak oder Afghanistan kommen.

„Bis gestern konnten wir Schreie an der Grenze hören“, sagt Fr. Dimitri, Flüchtlingskoordinator in Gevgelija. „Es gab ziemlich Unruhen und die Regierung schickte gestern 11 Flüchtlings-Busse nach Griechenland. Jetzt ist es ruhig geworden.“

Das ist nur eine der vielen umstrittenen Entscheidungen der Länder an der Balkanroute seit Beginn der Flüchtlingskrise. Und man kann sehr wohl sagen, dass sie im Wesentlichen auf die Inkonsequenz und die Uneinigkeit in der aktuellen europäischen Politik zurückzuführen sind.

“Wir versuchen die Situation für die, die noch kommen, etwas zu verbessern“, sagt Dimitri. Caritas verteilt jeden Tag heisse Suppe und Tee und es ist unfassbar, wie diese einfachen Dinge so viel bringen können. Denn es ist nur eine der wenigen Möglichkeiten, dass die Leute etwas Wärme bekommen. Und es ist eine kleine, aber sinnvolle Geste an die Menschlichkeit und Würde, vor allem, wenn die Suppe und der Tee mit einem Lächeln und Worten des Trostes überreicht werden.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Der nächste Zug steht zur Abfahrt bereit. Ich hoffe, dass Adnan es geschafft hat und im Zug sitzt. Und ich wünsche ihm und all den anderen viel Glück, auch wenn sie mich nicht hören können.

Text und Bild: Irene Broz, Caritas Internationalis

 

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