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«Eine Bombe kann plötzlich alles zerstören»

Caroline Nanzer ist Caritas-Delegierte und lebt zurzeit in Beirut. Sie berichtet über ihre Erfahrungen im Libanon. Das Projekt läuft Ende Februar aus. Caritas Schweiz unterstützt weiterhin die syrischen Flüchtlinge in Jordanien und im Nordirak.

Caroline, seit wann arbeitest du im Libanon?

Ich lebe seit dreieinhalb Jahren im Libanon. Ich kam vor der Syrien-Krise, die 2011 begann. Vorher arbeitete ich in einem Projekt für Opfer von Frauenhandel. Caritas-Delegierte im Libanon bin ich seit November 2012.

Wie hat sich die Lage in dieser Zeit entwickelt?

Am Anfang hatte man in Beirut das Gefühl, die Syrien-Krise sei weit weg. Die ersten syrischen Flüchtlinge trafen 2011 im Nordlibanon ein. Die Libanesen dachten, die Flüchtlinge würden vor allem aufs Land gehen, in die Nähe der Grenze. Im August 2012 hatten sich 40 000 Flüchtlinge beim UNO Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) im Libanon registrieren lassen. Heute sind es über 900 000. Der UNHCR schätzt, dass sich in der gesamten Subregion knapp 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufhalten.

Auffallend ist, wie rasch die Flüchtlinge verarmt sind. Es gibt Familien, die, obwohl sie keine Arbeit haben, Mieten von 500 Dollar bezahlen müssen für Wohnungen im Rohbau, ohne Fenster. Es gibt auch Solidarität, aber die Ablehnung wächst. In den ärmsten Regionen des Libanon, wo die Menschen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen, versteht die einheimische Bevölkerung nicht, warum nur Flüchtlinge Hilfe bekommen. Der Anteil der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung liegt inzwischen bei über 20%. Die Arbeitssuche so vieler Flüchtlinge führt auch zu Lohndumping. Selbst das Abfall- und Abwassermanagement wird von der grossen Zahl Flüchtlinge extrem belastet. Der Libanon stösst an die Grenzen seiner Aufnahmekapazität.

Beschreibe uns deine Arbeit vor Ort.

Meine Rolle besteht darin, Caritas Schweiz im Libanon zu vertreten und die Hilfe mit anderen schweizerischen NROs (Nichtregierungsorganisationen) zu koordinieren. Ich begleite das Projekt und achte darauf, dass die Hilfe tatsächlich bei den meist gefährdeten Familien ankommt. Ich gehe daher auch oft in die zentrale Bekaa-Ebene, wo Caritas an Flüchtlingsfamilien Lebensmittelpakete, Decken und Hygieneartikel verteilt. Im Winter bekamen sie Öfen, wasserdichte Plastikplanen, Nägel und Holz, damit sie ihre Zelte vor Kälte und Regen schützen konnten.

Gibt es etwas, das dich besonders berührt hat?

Ich sah ein syrisches Familienoberhaupt, das förmlich zusammenbrach. Der Mann war circa 70 Jahre alt und mit seiner ganzen Familie, seinen Kindern und Enkeln, aus Syrien geflohen. Er war Fliesenleger gewesen und hatte sein ganzes Leben lang für seine Familie gebaut. Eine einzige Bombe hat dann alles zerstört, von einem Moment auf den anderen. Man vergisst leicht, dass Syrien vor der Krise ein stabiles Land war. Der Mann war völlig verzweifelt. Er weinte. Ich glaube, wenn seine Frau nicht wäre, gäbe es ihn nicht mehr.

Die Hälfte der Vertriebenen sind Kinder. Was brauchen sie, was kann man für sie tun?

Das grösste Problem ist die fehlende Schulbildung. Es wurde versucht, die Flüchtlingskinder in die öffentlichen libanesischen Schulen zu integrieren. Dazu hatten die Schulen die Klassenzahl verdoppelt. Aber das reicht nicht. Viele syrische Kinder gehen nicht zur Schule, weil der Weg in die Stadt zu weit ist und die Eltern den Transport nicht bezahlen können. Manche Eltern haben auch Angst, ihre Kinder alleine in die Schule zu schicken. In Beirut sieht man viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die bis spät in die Nacht arbeiten. Manche sind auch Opfer von Kinderhandel.

Jedes Kind hat spezifische Bedürfnisse. Caritas unterstützt ein Psychosoziales Zentrum in der zentralen Bekaa-Ebene, das Kindern aus Flüchtlingslagern psychologische Hilfe bietet. Die Kinder treffen sich ein bis zwei Mal pro Woche in einer Gruppe. Ziel ist nicht nur die Unterstützung bei der Traumaverarbeitung. Die Kinder, die keine Beschäftigungsmöglichkeiten, keine Spielsachen haben, finden hier auch eine feste Struktur und bekommen regelmässig Mahlzeiten.

Was erwartet die Bevölkerung vor Ort von der internationalen Gemeinschaft?

Die syrischen Flüchtlinge erwarten langfristige Hilfe, denn inzwischen wissen sie, dass die Krise andauern wird. Anfangs sprachen sie noch alle von ihrer Absicht, nach dem Krieg zurückzukehren. Die Flüchtlinge sind recht gut informiert. Am Tag nach der ersten Bombardierung mit Sarin-Gas letzten August trafen 20 000 Syrer an der Grenze ein. Sie waren aus Angst vor US-amerikanischen Luftangriffen geflohen.

Was kann Caritas Schweiz tun?

Sie sollte noch mehr mit der einheimischen Bevölkerung zusammenarbeiten. 5 Prozent der Hilfe von Caritas Schweiz ist für libanesische Familien vorgesehen, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen. Die Verteilung der Hilfe ist schwierig, da der Libanon seit einem Jahr keine Regierung mehr hat. In Jordanien verlangt der Staat, dass die lokale Bevölkerung 30 Prozent der Hilfe bekommt, um so Spannungen zwischen den Flüchtlingen und der lokalen Bevölkerung abzubauen.

Aber es tauchen auch neue Bedürfnisse auf. Die Zahl der Strassenkinder wächst. Für sie könnte man offene Betreuungsstrukturen schaffen. Und wenn die Krise beendet ist, müsste man sich auch am Wiederaufbau Syriens beteiligen.

Text: Katja Remane, Caritas Schweiz / Bild: Sam Tarling

 

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