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Die Rose von Damaskus

Rose verlor im Krieg ihren Bruder und ihren Mann. Zusammen mit den drei Kindern ist sie nun ein Flüchtling im Libanon. Die Hoffnung auf ein besseres Leben hat sich dort aber nicht erfüllt.

Rose Sham beschreibt sich selbst als „Tochter von Damaskus“. Ihre hellgrünen Augen stechen aus dem blassen Gesicht hervor. Sie sehen mich fragend und ruhig an, aber mit einem Ausdruck von Qualen, der nie ganz verschwindet. Vor dem Krieg lebte Rose mit ihrem Mann und den drei Söhnen in einem Haus, das sie sehr liebte: „Es war ein schönes Leben, alle waren glücklich“, beschreibt sie die Vergangenheit. Doch als der Krieg in Syrien 2011 begann, wurde die Wohngegend am Stadtrand immer häufiger zum Schauplatz von Gewalt. Die Familie zügelte immer wieder auf der Suche nach einem sicheren Platz.

„Ich habe viele Tote gesehen, viele Massaker“, sagt Rose. „Überall wo wir hingingen, fielen Bomben. Die Häuser wurde zerstört, und ständig fühlten wir uns bedroht.“

Endgültig war der Krieg bei ihr angekommen, als einer ihrer Brüder bei einem Angriff starb. Rose hat acht Geschwister, aber diesem Bruder war sie am nächsten. Trotz der vielen Kontrollstellen unterwegs, machte sie sich mit der Familie auf die Reise in den Norden, um ihrem Bruder die letzte Ehre zu erweisen. Einmal wurde ihr Mann unterwegs lange verhört, denn sein Ausweis zeigte deutlich, dass er aus einem Gebiet der Opposition stammt. Doch er hielt durch, blieb bei seiner Frau und stand zu ihr.

Sie kehrten zurück nach Damaskus, der Winter war geprägt von tiefer Trauer. Das Wetter wurde kälter, und die Familie fror. Das Geld fehlte, um Kleider und Decken zu kaufen. Rose’s Mann machte sich auf den gefährlichen Weg zum alten Zuhause, um Sachen zu holen. „Er kam zurück mit einigen Taschen“, erzählt Rose. Er hatte grosse Angst und doch versuchte er es noch weitere Male. „Er versprach mir, es würde das letzte Mal sein“, erzählt Rose. Er kehrte nicht mehr zurück. Nach 47 Tagen ohne Nachricht von ihm wurde Rose informiert, dass ihr Mann inhaftiert worden war. Er würde aber freigelassen werden. Neun Monate später bekam sie die Nachricht, dass er tot sei. Mithäftlinge berichteten, dass er gefoltert wurde. Er starb unter Folter.

„Ich habe gedacht, dass der Tod meines Bruders das Schlimmste wäre für mich, aber das jetzt war für mich unerträglich“, sagt Rose. „Als mein Bruder starb, stand für mich die Zeit still. Als mein Mann starb, hatte ich keine Möglichkeit zu trauern, ich musste meine Kinder versorgen.“

Sieben Mal ist Rose mit den Kindern in den letzten drei Jahren umgezogen, aber nun, als der Tod des Vaters gewaltsam über die Familie hereinbrach, gingen sie in den Libanon. Dort zeigte ihnen das Leben eine neue brutale Realität: Das Leben als Flüchtlinge. Arm, ohne Möglichkeit für die Kinder auf Schule und stark traumatisiert, wusste Rose nicht mehr weiter. Jemand erzählte ihr von der Caritas. Niemals hatte sie bisher in ihrem Leben jemanden um Hilfe gebeten. In Syrien hatte sie selbst Andere unterstützt. Es war unglaublich hart für sie, aber sie hatte keine Wahl und ging zu Caritas. Dort erhielt sie Matratzen und Decken, Gutscheine für Lebensmittel und andere wichtige Dinge.

Noch wichtiger war aber eine Beratung, und Rose und ihre jüngster Sohn Obay gingen ab sofort zu einer Caritas-Beraterin. „Caroline hat mich wirklich sehr unterstützt“, erzählt Rose. „Sie machte mir Mut, bestätigte mich, in dem was ich tat. Ich kam in den Libanon, weil ich auf ein besseres Leben gehofft hatte und war dann schockiert über das, was ich vorfand. Caroline half mir durch diese Krise. Sie war meine Medizin.“

Mit Unterstützung der Caritas bekommt Rose Stück für Stück ihr Leben zurück. Obay ist nun in der Schule und schaut zuversichtlicher in die Zukunft. Die Wohnung der Familie wird immer mehr zu einem Zuhause.

Und doch bleiben da Sorgen: Roses`s Ältester, der Ayham, hat eigentlich einen Uni-Abschluss. Aber er arbeitet auf der Strasse, verkauft dort Brot, weil es keine Jobs gibt. Alle Hoffnung auf etwas mehr Geld ruht nun auf dem mittleren Sohn, dem 15-jährigen Ehab, der an einer Busstation arbeitet. Rose macht sich grosse Sorgen um ihre Kinder und um deren Zukunft. Das Trauma ist nicht zu Ende, das Trauma ist noch immer in ihr.

Tabitha Ross, Caritas

 

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