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Die Helden des Helfens und die Medien

Zu den Flüchtlingsbewegungen von 2015/16 - Mediendienst 1/2017

Die Zahl der Flüchtlinge entlang der Balkanroute ist massiv zurückgegangen. Gleichzeitig haben auch die Freiwilligen-Aktionen an den Hotspots in Griechenland an Bedeutung verloren – obwohl dort mehr als 60'000 durchreisende Flüchtlinge festsitzen. Ein Blick zurück auf 2015, jenes Jahr, als die Bilder des Flüchtlingselends zahlreiche Freiwillige zu Spontanaktionen bewegten und die Medien den grossen Hilfswerken Untätigkeit vorwarfen.

2015 hatten in den 35 Staaten der OEDC 1,65 Millionen Menschen Zuflucht gesucht. Die meisten davon in den Ländern der Europäischen Union, vor allem in Deutschland. Es war der Höhepunkt der sogenannten europäischen Flüchtlingskrise – auch wenn die meisten der weltweit 65 Millionen Flüchtlinge anderswohin, insbesondere in die Länder des Südens, geflüchtet waren.

2015 war auch das Jahr, das zahlreiche Bürgerinnen und Bürger bewog, sich als Freiwillige zugunsten von Menschen auf der Flucht zu engagieren. Bilder am Fernsehen und in den Printmedien hatten sie aufgerüttelt: tote Kinder, die an die Strände des Mittelmeers gespült wurden, die Leichen von 70 Flüchtlingen, die in einem Lastwagen in Österreich erstickt waren, oder die Menschenkolonnen, die auf Bahngeleisen Richtung Zentraleuropa marschierten.

Während die europäischen Regierungen hilflos agierten und die Flüchtlinge wie heisse Kartoffeln behandelten und von Grenze zu Grenze weiterreichten, manifestierten diese Bürgerinnen und Bürger ihre Anteilnahme am Schicksal der Vertriebenen. Über die sozialen Netzwerke mobilisierten sie Geldspenden, Kleider, Decken oder haltbare Nahrungsmittel. Manche Schweizerinnen und Schweizer begaben sich sogar direkt in die Krisengebiete entlang der Balkanroute: Ungarn, Kroatien, Serbien, Mazedonien und Griechenland. An den Hotspots empfingen sie die Flüchtlinge und unterstützten sie mit dem Lebensnotwendigsten.

Ein moralisches Zeichen gesetzt

Gewiss, viele der Aktionen waren unprofessionell und ungeordnet. Mit ihren Initiativen setzten die Aktivisten jedoch auch ein starkes moralisches Signal. Im Gegensatz zu ihren Regierungen bauten sie nicht auf eine Strategie des Ausschlusses und der Ablehnung. Vielmehr sahen sie in den Ankommenden Menschen, die Hilfe brauchten.

Auch die Medien hatten die Helferinnen und Helfer entdeckt und berichteten ausführlich über ihre Initiativen. Manch ein Redaktor betätigte sich zudem selber als Freiwilliger – und verlor gelegentlich die gebotene journalistische Distanz. Kurz: Die Helden des Helfens waren ein interessanter News-Stoff. Vor allem aber verkörperten sie mit ihrem entschlossenen Zupacken den medial attraktiven Gegensatz zu zögerlichen Regierungen und unfähigen Politikern.

Es überrascht nicht, dass auch «die grossen Hilfsorganisationen» ihr Fett wegbekamen – wer oder was auch immer darunter zu verstehen war. Konkret und präzise waren die Medien in dieser Hinsicht nicht. So titelte das Newsportal «Watson»: «Die grossen Hilfswerke lassen die Flüchtlinge im Regen stehen». Oder: «Trotz der widrigen Verhältnisse glänzen die grossen Hilfsorganisationen mit Abwesenheit. Ähnlich undifferenziert gab sich auch das Fernsehen SRF auf seiner Homepage, wenn es verlauten liess: «Um die in Griechenland ankommenden Flüchtlinge zu versorgen, hat Michael Räber seine Ferien verlängert … Mit vier Ärzten kommt er dann den NGOs und den Behörden zuvor, die angesichts der akuten Not zu träge reagieren.»

Asyl und Schutz sind Staatsaufgabe

Michael Räber ist Urheber der Initiative «Schwizerchrüz». Der später mit dem Prix Courage ausgezeichnete Helfer durfte in der «NZZ am Sonntag» ohne jeden Beleg kommentieren: «Mit all den Spenden an den griechischen Staat und an die grossen Hilfsorganisationen hätte man längst alle Flüchtenden verpflegen und in Wohnungen unterbringen können.»

Jene Helden des Helfens, die ihr Engagement durch «Hilfswerk-Bashing» ins rechte Licht rückten, mögen eine geringe Minderheit gewesen sein. Aber es mutet schon absurd an, wenn der Gründer von «Schwizerchrüz» im schon genannten Beitrag von Fernsehen SRF unwidersprochen behauptet: Er sei dem UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, «zuvorgekommen», und anfügt: «Die Ämter umgehe ich, damit ich effizient bleiben kann.» Man stelle sich einen Griechen in Bern vor, der sich einen Deut um die Anweisungen unsere Behörden schert und auf dem Bundesplatz ein Hilfscamp einrichtet…

Vor diesem Hintergrund sei darauf hingewiesen, dass die Gewährung von Asyl und Schutz Sache des Staates ist. Private Organisationen und ehrenamtliche Initiativen sollen subsidiär – also auch in Absprache – tätig werden. Versagt hat deshalb in der Flüchtlingskrise die europäische Staatengemeinschaft. Und sie tut es noch immer. Erst kürzlich gestand etwa EU-Präsident Jean-Claude Juncker ein: «Wir haben die Flüchtlingskrise noch immer nicht im Griff», auch wenn in Griechenland bloss noch 80 statt 10'000 Flüchtlinge stranden würden.

Die Voraussetzungen der Solidarität

Mittlerweile sind die Helfer von 2015 grösstenteils wieder zu Hause. Sie sind den Medien kaum mehr eine Zeile wert. Hilfswerke wie die Caritas sind immer noch vor Ort, in Griechenland oder in Libanon, Jordanien und Syrien. Übrigens auch «die grossen Hilfsorganisationen» der Uno.

Das heisst doch: Gesellschaftliche Solidarität lebt vom Engagement und dem unbeugsamen Willen Einzelner. Sie ist aber ebenso auf Organisation, Strukturen und Nachhaltigkeit angewiesen. Diese banale Einsicht haben die Medien in ihren Helden-Epen ignoriert. Vor allem haben sie sich in ihrer Berichterstattung darüber hinweggesehen, was die Pflicht der öffentlichen Hand gewesen wäre.

Die Flüchtlingskrise ist deshalb ein Anlass, nicht nur über die Wirkkraft und das Verhältnis von Spontan-Initiativen und «grossen Hilfsorganisationen» nachzudenken. Notwendig wäre auch mehr Selbstreflexion der Medien.

 

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