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Am Limit

Die enorme tagtägliche Belastung bei fehlendem Ausgleich, machen Rebecca* sehr zu schaffen. Doch betont sie, dass sie, verglichen mit anderen, auf relativ hohem Niveau jammere und grundsätzlich ein positiver Mensch sei. Ein Interview.

Rebecca, wie kommt es, dass Sie alleinerziehend sind?Ich bin seit letztem September mit meiner Tochter Maria* alleine, nachdem mein Mann wieder in seine Heimat, die Philippinen, zurückgekehrt ist. Er konnte sich hier nicht integrieren und fand trotz seines Bachelors einfach keine Anstellung. Wir haben dann gemeinsam beschlossen, dass es am besten ist, wenn er auf den Philippinen Berufserfahrungen sammelt. Einmal wieder Zuhause stellte er fest, dass er in der Schweiz nicht Fuss fassen könne und auch nicht glücklich werden würde. Anfangs war ich ja bereit, mit Maria zu ihm zu ziehen. Doch mittlerweile ist mir das Risiko zu hoch. Ich möchte, dass Maria in einem sicheren Umfeld aufwächst und eine gute Schulbildung bekommt. Und zudem habe ich hier mein soziales Umfeld, meine Familie, meine Freunde. Das ist mir sehr wichtig.

Wie sieht ihr Alltag aus? Sehr hektisch. Ich habe meinen Job, das Kind, administrative Aufgaben und den Haushalt zu bewältigen. Es gibt viel zu tun, und Schlaf und Entspannung kommen definitiv zu kurz.

Arbeiten Sie? Ja, ich arbeite 60 Prozent in einem Büro.

Wie sieht ihre finanzielle Situation aus? Nicht optimal. Auf den Philippinen beträgt der durchschnittliche Monatslohn nur 200 USD. Momentan arbeitet Marias Vater nicht, aber er versucht, das zu ändern, um uns finanziell unterstützen zu können. Doch darauf kann und will ich mich nicht verlassen. Ich lebe sehr sparsam und weiss mein Geld einzuteilen damit es einigermassen geht.

Haben Sie Unterstützung im Umfeld? Meine Eltern unterstützen mich sehr, ohne sie wäre es nicht möglich. Ich habe drei Stunden Arbeitsweg, muss sehr früh aus dem Haus und komme erst gegen 19 Uhr wieder heim. Ich könnte Maria gar nicht zur Kita bringen oder sie dort abholen. Meine Eltern übernehmen das, sie sind beide über siebzig, und es ist für sie sehr anstrengend. Und auch auf meine Freunde kann ich zählen, die mir sehr in der Anfangszeit geholfen haben, beim Zügeln und mit Babysitten, oder uns gebrauchtes Spielzeug gaben.

Mit welchen Problemen haben Sie als Alleinerziehende besonders zu kämpfen? Mit der Dreifachbelastung Arbeit, Kind und Haushalt. Dass allein zu bewältigen kostet immens Kraft, und meine Bedürfnisse bleiben da völlig auf der Strecke. Das ist sicher ein allgemeines Problem bei Alleinerziehenden. Viele von ihnen haben aber durch die Besuchsregelung mit dem Kindsvater wenigstens jedes zweite Wochenende Zeit, Sachen aufzuarbeiten oder sich etwas zu erholen. Das ist bei uns nicht möglich, und meinen Eltern kann ich einfach nicht noch mehr zumuten. So reduziere ich meinen Schlaf, um Pendenzen abends zu erledigen. Das hat Folgen. Durch den Stress habe ich Schilddrüsenprobleme bekommen. Aber mehr Schlaf liegt einfach nicht drin.

Alles hängt an mir, auch die finanzielle Sicherheit. Es ist hart, wenn man praktisch immer am Limit läuft mit Sorgen, Arbeit und finanziellem Druck und sich dann selbst nichts gönnen kann. Keine Ferien, keinen sportlichen Ausgleich, keine Massage oder so etwas. Und es ist unter diesen Bedingungen auch schwierig, Freundschaften aufrecht zu erhalten.

Was gibt Ihnen Kraft? Was motiviert Sie, weiterzumachen? Meine Tochter. Wenn negative Gedanken aufkommen, reicht ein Lachen von ihr und meine Welt ist wieder in Ordnung. Ich weiss, dass all die Mühen sich wegen ihr lohnen.

Wo wünschen Sie sich Unterstützung? Es bräuchte mehr Kinderbetreuungsangebote, bei den Kitas hier hat es eine Warteliste. In meiner Gemeinde gibt es nur eine subventionierte Kita. Auch die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig. Mit meinem Salär erfülle ich nicht die regulären Mieter-Anforderungen. Und obwohl meine Eltern für mich bürgen, bekam ich einige Absagen. Die jetzige Wohnung habe ich bekommen, weil ich den Hausbesitzer kenne. Leider ist das nur eine vorübergehende Lösung, denn in zwei, drei Jahren wird das Haus abgerissen. Was dann? Ich mache mir Sorgen, denn ich möchte in dieser Gemeinde bleiben. Hier wohnen meine Eltern, die Kita ist nun geregelt, der Ort ist ideal für Maria. Zug hat völlig überrissene Mietzinsen – bei zwei 100 Prozent Einkommen mag das gehen, aber für mich ist das unmöglich.

Was können Gesellschaft und Staat besser machen, um AE zu unterstützen? Es braucht günstigen Wohnraum und mehr Verständnis vom Arbeitgeber. Die Leute im eigenen Land dürfen nicht vergessen gehen – hier gibt es auch Armut.

Rebecca, 37 Jahre, aus dem Kanton Zug (*Namen von der Redaktion geändert)

Texte: Caritas Schweiz
Foto: Caritas Schweiz

 

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