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Die flüchtende Urgrossmutter

Ein Augenschein in Kroatien. Meabh Smith von Caritas Internationalis erzählt, was sie im Flüchtlingslager sieht und hört, wem sie begegnet. Sehr eindrucksvoll war für sie das Treffen mit der 105-jährigen Bibihal aus Afghanistan.

„Viele wollen einfach nicht mehr warten. Statt den kostenlosen Bus zu nehmen, laufen sie 15 Kilometer bis zum Flüchtlingslager“, sagte mir Margareta Gergic von Caritas Kroatien. „Manche sind barfuss unterwegs, weil sie ihre Schuhe auf der Flucht verloren haben. Jeder hier braucht Hilfe“, so ihr Résumé.

Ein grösseres Hilfsprojekt von Caritas Kroatien ist in Opatovac. Jeden Tag, jede Nacht arbeiten dort 56 Freiwillige, verteilen Essen und Kleider. Caritas Kroatien stellte 200 Schlafplätze für besonders erschöpfte Flüchtlinge bereit. Sie können dort ausruhen, es gibt die Möglichkeit zu duschen, zu essen und die Kleider zu wechseln, bevor es wieder losgeht.

Die 105-jährige Bibihal Uzbeki aus Kunduz in Afghanistan hat mittlerweile Kultstatus hier. Sie ist von der unbekannten Urgrossmutter zum ältesten und vielleicht berühmtesten Flüchtling avanciert. Jetzt aber liegt sie erst einmal müde im Arzt-Zelt. Bis sie hier ankam war sie 20 Tage unterwegs, reiste mit ihrer Familie Tausende Kilometer. Ihre schwarzen Schuhe stehen vor dem Bett. Es muss sich unglaublich angefühlt haben, die Schuhe nach dieser langen Reise auszuziehen. Fragt man sie, ob sie etwas möchte, zum Beispiel ein Glas Wasser, dann sagt sie nur schlicht: „Ich habe alles was ich brauche“. Heute Morgen ist sie angekommen. Sie flüchteten über Berkasavo, einem Niemandsland zwischen Serbien und Kroatien. Es ist kein stilles Niemandsland mehr, Tausende durchqueren es derzeit, Eltern tragen ihre Kinder, Ältere und Behinderte sind in Rollstühlen unterwegs, Junge und Alte, kleine Familien und grosse Gruppen.

Es ist ein Meer von Flüchtlingen. Alle verliessen sie ihre Heimat, nur noch ein paar Habseligkeiten haben sie dabei. Tagelang waren sie unterwegs in den gleichen Kleidern, ungewaschen und mit wenig Schlaf. Und täglich kommen bis zu 6000 Menschen in Opatovac an.

Die Szenen hier vor Ort erinnern mich an die Flüchtlingstrecks im zweiten Weltkrieg. So ähnlich kann es wohl ausgesehen haben: Lange Schlangen von Familien, ihre Kinder an den Händen, in graue Decken gehüllt. Reihe an Reihe stehen grüne Militärzelte, daneben Militär und Polizei, es ist kalt und neblig.

Es passiert in dem Durcheinander leider auch, dass Familien getrennt werden. „Wir konnten bisher 40 Familien wieder vereinen“, sagte mir Margareta. Doch nicht immer ende es glücklich. „Letzte Woche ging ein Junge im Lager verloren. Wir suchten ihn überall, die Polizei stoppte und durchsuchte Züge, wir suchen mit dem Megaphon, aber wir fanden ihn nicht.“

Jeden Tag kocht Caritas 4000 Liter Tee, damit die Menschen etwas Warmes bekommen. Das Thermometer fällt täglich. Margareta Gergic: „Wir machen uns Sorgen, dass die Leute in der Kälte sterben“.

Text und Bild: Meabh Smith, Caritas Internationalis

 

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