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«Der Notfall ist unser Alltag»

Notfallpädagogik für Kinderflüchtlinge im Haus der Jugend in Immensee - Mediendienst 11/2017

Im Haus der Jugend in Immensee leben 38 unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Caritas Schweiz leitet das Zentrum im Auftrag des Kantons Schwyz. Die Jugendlichen besuchen wenn möglich die öffentliche Schule oder werden intern unterrichtet. Das Team der Lehrerinnen und Lehrer profitiert dabei vom Ansatz der Notfallpädagogik, den Caritas Schweiz auch in Krisenregionen wie dem Libanon oder Gaza einsetzt.

Notfallpädagogik wurde in Kriegs- und Krisengebieten entwickelt. Ob nach einem Erdbeben oder bei bewaffneten Konflikten – hier wie dort fehlt es an schulischen Infrastrukturen. Oft sind die Kinder auf Grund ihrer Erlebnisse traumatisiert und leiden an toxischem Stress. Solche Störungen können die psychologische wie die physiologische Entwicklung massiv beeinträchtigen. Die Folgen sind Lernschwierigkeiten bis hin zur kompletten Lernverweigerung. Nicht selten fallen diese Kinder auf eine frühere Entwicklungsstufe zurück. Ihr Lebensalter entspricht nicht mehr ihrem kognitiven Alter.

Hier setzt die Notfallpädagogik an. Das Konzept ist einfach. Die Kinder werden dort abgeholt, wo sie in ihrer Entwicklung aktuell stehen. Wenn ein Zwölfjähriger das kleine Einmaleins nicht mehr kann, hat er womöglich ein Problem mit Zahlen. Also zählt man mit ihm erst mal von 1 bis 10 und geht dann schrittweise weiter, bis er sich wieder ans kleine Einmaleins erinnert. Oft mit abenteuerlichen Methoden, denn wer eine Lernblockade in Mathematik hat, verweigert Zahlen. Wer sich nicht mehr an Vokabeln erinnert, hat Mühe mit der Sprache.

Herz und Hand wieder in Einklang bringen

Um solche Blockaden zu lösen, ist jedes Mittel recht. Selbst gesammelte PET-Flaschendeckel dienen zum Veranschaulichen von mathematischen Zusammenhängen. Buchstaben und Wörter werden mit dem Finger in den Sand gezeichnet. Wenn der Kopf zu voll ist mit Belastendem, dann lernt vielleicht der Körper.

Einfach ausgedrückt: Ziel der Notfallpädagogik ist, dass die Kinder und Jugendlichen Kopf, Herz und Hand wieder in Einklang bringen können. Dies erfordert ein radikales Umdenken im Bereich Methodik und Didaktik – Lernen als sinnliches Erlebnis. Nicht der schulische, sondern der persönliche Fortschritt steht im Vordergrund. Zentral dabei ist Stärkung von Selbstwahrnehmung und Selbstkompetenz.

Beides sind Fremdwörter für unsere Jugendlichen, die gar nie in der Schule waren oder Schule als hierarchische Struktur erlebt haben. Die Arbeit mit den Schulungewohnten ist vergleichsweise einfach. Sie haben kein fixes Bild von Schule und lernen schnell, dass man in der neuen Sprache selbstständig arbeiten muss, dass Sport, Geografie oder Zeichnen auch Schule sind, und dass in der Schweiz Partnerarbeit ein gängiges Lerninstrument ist. Diese Schüler machen in kurzer Zeit grosse Fortschritte.

Vorbelastet mit Schulerfahrung

Die mit dem gefüllten Rucksack haben mehr Mühe. Sie «kennen» Schule: Frontalunterricht, auswendig lernen und ja keine Fehler machen. Sie haben sich Lernstrategien angeeignet, die unserem Bildungssystem widersprechen. Wenn Schule nicht im Schulzimmer stattfindet, ist das nicht Schule. Sie brauchen im Minutentakt eine Rückmeldung. Einige unserer Schüler werden es schaffen. Nicht schaffen werden es die, die wir nicht dort abholen konnten, wo sie waren.

Jeder Asylsuchende in der Schweiz ist ein schulischer Notfall. Jeder muss sich zurechtfinden in einer Sprache und in einem System, das ihm fremd ist. Aber lernen in einer neuen Sprache und in einem neuen Land ist eine Chance, damit Kopf, Herz und Hand wieder zu einer Einheit werden. Insofern ist der Notfall in unserem Alltag eine echte Bereicherung für uns alle.

 

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