Navigation mit Access Keys

 

«Der Caritas-Markt muss sich dem Preiskampf stellen»

5 Fragen an Bruno Bertschy, Präsident der Genossenschaft Caritas-Markt - Mediendienst 12/2017

In der Schweiz gibt es 20 Läden des Caritas-Markts sowie eine mobile Epicerie Caritas. Armutsbetroffene können hier Lebensmittel und Produkte des Alltags zu stark vergünstigten Preisen einkaufen. Der Caritas-Markt hat sich neuen Herausforderungen zu stellen, wie Bruno Bertschy, Präsident der Genossenschaft Caritas-Markt, erläutert.

Pro Jahr werden im Caritas-Markt rund eine Million Einkäufe getätigt. Wieso braucht es ein solches Angebot in der reichen Schweiz?

Den Caritas-Markt braucht es, weil sich nicht alle Leute hierzulande einfach so am Konsum beteiligen können. Mehr als eine halbe Million Menschen sind in der Schweiz von Armut betroffen und müssen jeden Franken zweimal umdrehen bevor er ausgegeben wird. Umso wichtiger ist eine Möglichkeit, zu reduzierten Preisen Lebensmittel für eine ausgewogene und gesunde Ernährung einzukaufen. Die Caritas-Märkte bieten für ihre Kundinnen und Kunden einen echten ökonomischen Gebrauchswert und erhöhen ihre Freiheit und Selbstbestimmung. So tragen sie auch dazu bei, die Menschenwürde zu stärken. Nur wenn es uns gelingt, den finanziellen und sozialen Handlungsspielraum unserer Kundinnen und Kunden zu erweitern, hat der Caritas-Markt eine Berichtigung.

Der grösste Handlungsspielraum würde dann entstehen, wenn die Produkte gratis abgegeben würden. Wieso haben Produkte im Caritas-Markt ihren Preis?

Die Caritas-Märkte funktionieren nicht nach dem Vorbild der Armenspeisung. Wir verteilen keine Almosen, und dies ganz bewusst. Wir bieten konstant ein Grundsortiment, das dem System der Supermärkte nachempfunden ist und Wahlfreiheit bietet. Für unsere Kundinnen und Kunden vermindert dies Stress und Stigmatisierung. Der Einkauf in einem Caritas-Markt ruft nicht das Gefühl der Exklusion hervor. Unser Angebot ist daher nicht gratis, aber es soll deutlich tiefere Preise bieten als der Detailhandel.

Die Preise im Detailhandel sind ja gesunken in den letzten Jahren. Dafür sorgen auch Discounter, die neu auf den Markt gekommen sind. Was bedeutet dies für den Caritas-Markt?

Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Budgets von Armutsbetroffenen in dieser Zeit kleiner geworden sind. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass viele Kantone Kürzungen bei der Ausgestaltung von Sozialleistungen beschliessen. Auch wenn die Preise im Detailhandel sinken, verbessert sich die Situation von Armutsbetroffenen also nicht automatisch. Unser Ziel ist es daher auch weiterhin, unsere Produkte zu deutlich tieferen Preisen anbieten zu können, als sie bei andern Anbietern zu finden sind. Der Caritas-Markt muss sich dem Preiskampf stellen.

Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung konkret um?

Es ist nicht einfacher geworden für die Genossenschaft und die Regionalen Caritas-Organisationen, einen Caritas-Markt zu führen. Wir geben ja den Gesamtnutzen der Vergünstigungen durch unsere Lieferanten an die Kundinnen und Kunden weiter. Allein der Erlös aus dem Verkauf der Lebensmitteldeckt die Kosten unserer Läden bei weitem nicht. Wir sind auf Zuwendungen und Spenden angewiesen, um einen Caritas-Markt führen zu können. Und wir setzen alles daran, die erfolgreiche Partnerschaft mit der Wirtschaft noch weiter zu stärken und zu vertiefen. Wenn der Umsatz in den Märkten steigt und mehr Menschen bei uns einkaufen, brauchen wir auch grössere Mengen an Produkten. Zurzeit arbeiten wir daran, unser erfolgreiches Konzept diesen neuen Gegebenheiten anzupassen. Wichtig ist es uns dabei, dass der Caritas-Markt neben der Möglichkeit zu einem vergünstigten Einkauf auch ein Ort der Begegnung ist. Das ist wichtig für Menschen, die sich keinen Kaffee in einem Restaurant leisten können. Bei uns soll man auch verweilen können und auch niederschwellig zu Informationen kommen, die in einer sozialen Notlage hilfreich sind.

Was können Sie zu den Zahlen des Caritas-Markts im laufenden Jahr sagen?

Unsere Umsätze sind über Jahre deutlich gestiegen, weil auch die Nachfrage konstant grösser wurde. 2016 stagnierte der Umsatz. Dies war eine Folge der Branchenentwicklung und des sinkenden Preisniveaus. Im laufenden Jahr stellen wir wiederum einen markanten Anstieg der Nachfrage fest. Der Umsatz fällt deutlich höher aus, auch wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau beziffern können, um wie viel. Die zeigt vor allem eines: unser Angebot ist notwendiger denn je.

Bild: Urs Siegenthaler, Caritas-Markt Winterthur

 

Teilen Sie diesen Beitrag

Ersatzinhalte