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Como weiss nicht mehr wohin mit den Flüchtlingen

Tag für Tag kommen Tausende Flüchtlinge in Italien an - Mediendienst 10/2016

Es ist dringend. Como, die italienische Stadt mit 85‘000 Einwohnern, nur einen Katzensprung von der Schweizer Grenze entfernt, wird schon bald nicht mehr in der Lage sein, die täglich ankommenden Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen und korrekt zu betreuen. Die unbegleiteten Minderjährigen laufen Gefahr, in die Kriminalität oder die Prostitution abzugleiten. Italien kritisiert die Haltung Europas. Die Schweiz steht in der Pflicht.

Es ist ganz in unserer Nähe passiert, so werden wir später unseren Enkelkindern erzählen. Es ist in Como passiert, 8 Kilometer hinter der Grenze zu Chiasso, wo die Schweizer Grenzwächter mit dem Staatssekretariat für Migration eine erste Auswahl unter den Ankommenden treffen. Die jüngeren schicken sie zurück. Dabei hätten sie Anrecht auf Schutz. Vor Ort, in Como, setzt sich Caritas Como in erster Linie für die verletzlichsten unter den Flüchtlingen ein, für unbegleitete Minderjährige, Familien mit Kindern, für schwangere oder alleinreisende Frauen. Aber auch andere Migrantinnen und Migranten bekommen Unterstützung. Einige Asylsuchende warten seit über zwei Jahren auf eine Antwort auf ihren Asylantrag.

Die Situation ist nicht mehr so spektakulär wie im Sommer. Aber die Dringlichkeit, mit der Lösungen gefunden werden müssen, bleibt unverändert. Vor kurzem hat die italienische Regierung ein Lager auf dem Gelände eines ehemaligen Autoschrottplatzes eröffnet, direkt neben dem Friedhof von Como. Dadurch konnte der Park vor dem Bahnhof San Giovanni geräumt werden, in dem seit Juli rund 500 Personen in Zelten und Notunterkünften lebten. Aber nur zwei Wochen nach der Eröffnung ist dieses neue Lager bereits voll. Und Tag für Tag strömen neue Geflüchtete herbei, die sich auf eigene Faust über Mailand oder Rom nach Norden durchschlagen oder die aus dem Süden weitergeleitet werden, kaum dass sie die alptraumartige Überfahrt des Mittelmeeres überlebt haben. Sie kommen aus Eritrea, dem Südsudan, aber auch aus Nigeria, Guinea, Gambia, der Elfenbeinküste und Mali. Einige aus Marokko, wenige aus Palästina.

Derzeit leben in der Stadt rund 800 «sichtbare» Flüchtlinge und 400 illegale. Am stärksten steigt die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen. Anfang Oktober waren es etwa 150. Sie leben im neuen Containercamp oder in kirchlichen Einrichtungen, in die sie mit der Unterstützung von Caritas vermittelt werden konnten. Allein Don Giusto Della Valle, der Priester der Pfarrgemeinde Rebbio, hat mehr als 60 aufgenommen. Viele stammen aus Eritrea.

Wohnraum ist dringend gesucht

«Priorität hat, sie korrekt unterzubringen und zu betreuen», sagt Roberto Bernasconi, der Direktor von Caritas Como. In solch einer prekären Situation ist das Risiko gross, dass Menschen von heute auf morgen in die Kriminalität oder die Prostitution abgleiten. «Diese Menschen verdienen grossen Respekt, denn sie riskieren ihr Leben auf der Suche nach einer besseren Zukunft.» Italien tut, was es kann. Derzeit leben 140‘000 geflüchtete Menschen in staatlichen Lagern quer über das Land verteilt. Die Asylgesuche sind im Vergleich zu 2015 um 70% angestiegen. Die NGOs versuchen ihr Bestes, die Kirche stellt vielerorts Unterkünfte zur Verfügung, die Einwohnerinnen und Einwohner spenden und engagieren sich ehrenamtlich. 700 Freiwillige engagieren sich derzeit bei Caritas Como in der Flüchtlingsbetreuung. Sie stellen die grundlegende Infrastruktur bereit (Unterkunft, Verpflegung, Duschen), sind in der sozialen Betreuung tätig, machen kulturelle Mediation (Dolmetschen) und geben Sprachkurse. Tag für Tag versuchen diese Freiwilligen die Lebensgeschichten der geflüchteten Männer und Frauen zu erfahren, von denen viele noch minderjährig sind. Sie sprechen mit ihnen über ihre Zukunftsprojekte, um sie auf ihrem weiteren Weg unterstützen zu können, beim Einreichen eines Asylgesuchs in Italien oder der Schweiz, bei einer Familienzusammenführung oder einer Umsiedlung.

Es ist ganz in unserer Nähe passiert: Kinder, die jeden Tag zum Bahnhof gehen, um den Zug nach Chiasso zu nehmen, manche mehrmals am Tag. Und die immer wieder von den Schweizer Grenzwächtern zurückgeschickt werden. Sie haben Afrika und das Mittelmeer durchquert. Dass sie überlebt haben, ist fast immer ein Wunder. Sie möchten nicht fotografiert werden. Sie haben Angst, dass die Fotos ihnen Probleme bereiten, dass sie anhand der Bilder von Behörden in der Schweiz oder Italien wiedererkannt werden. Sie fürchten, dass ihre Familien erfahren, wie mühsam und schwierig sich alles gestaltet, dabei wollten sie doch ein neues Leben beginnen! «Wäre ich doch nie weggegangen», seufzt der 15-jährige Mamadou, der Conakry vor 3 Jahren verlassen hat. «Es ist so hart. Und woanders wird es nicht besser sein.» 12 Jahre war er alt, als er seine Heimat verliess. Auf der Flucht arbeitete er in den Minen von Mosambik, dann auf dem Bau in Äquatorialguinea, bevor er in Libyen die Hölle kennenlernte. Er landete im Gefängnis, musste sich gegen Lösegeld freikaufen und landete schliesslich auf einem seeuntauglichen Boot, das voll Wasser lief und fast kenterte.

Es ist ganz in unserer Nähe passiert, aber wir waren nicht schlimmer als die anderen…Vielleicht. Das Asylwesen und die Migrationsbewegungen werden seit Jahren immer stärker von egoistischen nationalen Interessen beeinflusst. Vielleicht sind wir nicht schlimmer als die anderen, aber manche Länder kämpfen an vorderster Front wie Italien und Griechenland. Oder – noch extremer – der Libanon, Jordanien und die Türkei, die Millionen Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg aufnehmen. Von Kenia und Äthiopien, den Nachbarländern von Somalia, ganz zu schweigen. Über 50% der Flüchtlinge weltweit wurden von 10 Ländern – und keinesfalls den reichsten – aufgenommen. Angela Merkel hat das Richtige getan, als sie die Türen Deutschlands für Menschen in Lebensgefahr öffnete, aber die nationalen Egoismen ihrer europäischen Partner waren stärker als ihr gutes Vorbild. Es ist schwierig vor den anderen Recht zu haben. Auch in der Schweiz stieg dieses Jahr die Zahl der Asylgesuche, aber nach wie vor ist die Schweiz in einer sehr komfortablen Situation, eine Situation, die es uns ermöglichen sollte, Menschlichkeit unter Beweis zu stellen gegenüber denen, die es so dringend brauchen, weil sie einfach nichts mehr haben. Eine Situation, die uns ermutigen sollte, die Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn zu suchen, um gemeinsam pragmatische und realistische Lösungen zu finden.

Am Dienstag, dem 4. Oktober, rettete die italienische Küstenwache 4655 Menschen aus dem Mittelmeer. 28 Menschen konnten nur noch tot aus dem Wasser geborgen werden. Am Vortag wurden 6000 Flüchtlinge, die versuchten Europa in 40 Booten zu erreichen, gerettet. Doch es sind Tausende, die bei diesen alptraumartigen Überfahrten ihr Leben lassen. Und wie viele sterben in der Ägäis? Diejenigen, die sich von der Türkei, Syrien, Afghanistan oder dem Irak durchgeschlagen haben, landeten in völlig überfüllten Lagern auf den griechischen Inseln und dem Festland. Das im Frühjahr zwischen der Türkei und Europa beschlossene Abkommen ähnelt je länger je mehr einem abgekarteten Spiel. Die versprochenen Umsiedlungen kommen nicht voran, auch nicht in der Schweiz.

Nicht die Flüchtlingskrise wird andauern, sondern die neue Realität. Eine neue Realität, die neue Lösungen fördert jenseits der nationalen Interessen. «Die Tatsache, dass keine Lösung für das Problem der Flüchtlingsströme gesucht wird, ist weder neutral noch ohne Konsequenzen», so die Schlussfolgerung der Journalistin Imogen Wall in ihrem Artikel über die Konferenz von Evian im Jahr 1938, als die Diplomaten sich unfähig zeigten, die Aufnahme von Hundertausenden von jüdischen Flüchtlingen zu organisieren, die versuchten aus Deutschland und Österreich zu fliehen.*

*«Look back and learn: The Evian Conference, 1938», Imogen Wall, 2015, http://www.irinnews.org (Text auch auf Französisch vorhanden).

 

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