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Caritas-Mitarbeiter in Syrien, Flüchtling in Europa

Modar floh im September aus Syrien nach Europa, nach nahe sechs Jahren Blut vergiessen und Bombenangriffen in seiner Heimat. Mit seinen Geschwistern überquerte er das Mittelmeer, reiste quer durch Europa und hofft nun in Holland auf einen Neuanfang.

Die Flucht nach Europa haben allein 2015 fast 850 000 Menschen auf sich genommen. Die meisten kommen aus Syrien. Doch Modars Geschichte ist eine spezielle. Denn er arbeitete für Caritas Syrien und half den Menschen bei der Flucht vor der Gewalt.

„Wir schauten vor allem nach den Kindern, die von ihren belagerten Dörfern nach Damaskus flohen“, erzählt Modar. „Sie hatten schreckliche Dinge erlebt und waren ständig in Angst. Es waren keine normalen Kinder mehr, sie haben verlernt, zu spielen.“ Der Weg zu seinem Büro war gefährlich, oft geriet er unter Beschuss. „Aber ich brauchte die Arbeit, sie gab mir Sinn und ich konnte wirklich helfen.“

Eigentlich ging Modar zur Uni. Doch als die Kämpfe begannen, musste er sein Studium augeben. Das Ferienhaus der Familie in Homs, wo sie jeweils während des Sommers drei Monate wohnten, ist zerstört. Und auch das Leben in Damaskus wurde immer gefährlicher: „Wir sahen eine Menge Tote und Verletzte.“

Als die Kämpfe immer intensiver wurden, begannen Modars Eltern darüber nachzudenken, ihre Kinder wegzuschicken. „Es wurde immer gefährlicher. Unsere Eltern verkauften schliesslich ihr Haus in Damaskus, um unsere Reise nach Europa zahlen zu können. Sie wollten, dass wir leben und wir wollten eine Zukunft“, so Modar.

Am 1. September machten sich Moda, sein Bruder und seine Schwester auf den Weg. Ein paar Tage verbrachten die drei im Wald, nahe der türkischen Küste. Sie hatten Schleuser bezahlt, die sie über das Meer nach Griechenland bringen sollten. „Wir schliefen drei Tage im Wald. Im Rucksack hatten wir jeder Wasser, ein paar Kleider, etwas Schokolade und unsere Papiere.“

“Die Schleuser waren bösartig”, erzählt Modars Schwester Tamador. „Es gab gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen ihnen und den Flüchtlingen. Mein Bruder war Pfadfinder, und er wusste, was zu tun ist und wie man mit gefährlichen Situationen umgeht.“ Jeder von ihnen musste 1300 Dollar bezahlen für eine Überfahrt im Schlauchboot nach Lesbos. „Es war beängstigend“, erinnert sich Tamador. „Wir waren 43 Leute auf dem Boot, eng an eng sassen wir. Als wir in Lesbos ankamen, fühlten wir uns frei. Wir waren nicht glücklich, aber endlich in Sicherheit.“

Die ersten Tage waren sie nur auf der Suche nach einem Telefon. Sie wollten unbedingt ihren Eltern sagen, dass sie in Sicherheit seien. Es folgte eine eisige Nacht im Freien, eine in einem Hotel und anschliessend die Überfahrt nach Athen. „Als wir dort ankamen, hatten wir Panik“, so Tamador. „Ungarn hatte angekündigt, die Grenzen zu schliessen. Wir hatten bis dahin nur noch zwei Tage.“

Sofort machten sie sich auf den Weg in den Norden, in Richtung Serbien. Zu Fuss, mit dem Bus und dem Zug. Sie erreichten die Grenze nach Serbien am Morgen des 15. Septembers. Und sie waren zu spät – die Grenze war zu.

“Zwei Nächte verbrachten wir dort, und es war wirklich schrecklich. An Schlaf, war nicht zu denken. Es war kalt und die Menschen schrien. Nur ein paar Decken wurden von lokalen Freiwilligen verteilt. Wir hatten einen Punkt erreicht, an dem wir völlig fertig waren.“, beschreibt Tamador die Situation. Sie hörten von einem Bus nach Kroatien und nutzten die Gelegenheit. Tamador: „An der kroatischen Grenze gab es so viele Flüchtlinge und nur wenige Helfer. Aber die waren so freundlich, gaben uns Essen und Decken. Wir trafen eine Helferin von Caritas.“

Letztendlich landeten die drei in Budapest und nahmen dort einen Zug an die österreichische Grenze. Drei Kilometer liefen sie an der Grenze entlang. Ein nicht endend wollender Weg voll Menschen, Chaos und Angst. Ihr Ziel: Holland. Sie hatten gehört, dass die Holländer sehr freundlich sein, dass sie englisch sprechen würden und die Registrierung einfacher als anderswo wäre. Nach 21 Tagen erreichten sie ihr Ziel.

Seit vier Monaten leben sie nun dort in einem Flüchtlingscamp mit 3000 anderen Menschen. Nicht wirklich optimal, mein Modar: „Es gibt natürlich keine Intimsphäre. Aber zusätzlich ist es sehr kalt und die Regeln sind sehr streng. Ohne die Freiwilligen, die uns Kleider und Essen geben, wären wir verloren.“

Für Modar ist die Rolle neu und schwierig: Vom Helfenden zum Hilfe Empfangenden. „In der ersten Zeit konnte er keine Hilfe annehmen“, sagt seine Schwester. „Es ist schwer zu verstehen, dass man jetzt ein Flüchtling ist. Weit weg von zuhause, in einer völlig anderen Kultur, in der man sich auf Andere verlassen muss.“

Abgesehen von Fingerabdrücken gab es bisher keine weiteren Registrierungsmassnahmen.

„Modar muss arbeiten. Er hat so viel zu bieten. Sie hätten ihn sehen müssen, wir er den Kindern in Syrien geholfen hat“, setzt sich Tamador für ihren Bruder ein und ergänzt seufzend: „Wir wissen, Holland ist ein kleines Land mit jetzt vielen Flüchtlingen. Wir müssen einfach warten.“

Es sei richtig gewesen, die Reise anzutreten, sind sich die drei einig. Die Eltern sollten ihnen folgen, doch die Kinder haben die Befürchtung, dass sie diesen Trip nicht überleben würden.

Text und Bild: Caritas Internationalis (Bild: Modar und seine Geschwister in Holland)

 

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