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Berufliche Integration muss über die Wiedereingliederung Erwerbsloser hinausgehen

Engagement der Kantone ist sehr unterschiedlich - Mediendienst 6/2017

Arbeit ist ein zentrales Element der Armutsbekämpfung. Caritas hat in ihrem diesjährigen Armutsmonitoring deshalb die Kantone zu ihrem Engagement in der beruflichen Integration befragt.Dabei zeigt sich: Nur sechs Kantone haben bis anhin Strategien in diesem Bereich entwickelt. Häufig beschränken sich diese auf die unmittelbare Wiedereingliederung von Erwerbslosen und lassen die Bedingungen der Integration ausser Acht.

Ob und zu welchen Bedingungen wir arbeiten, ist massgebend für unsere Lebensqualität. Idealerweise bietet Erwerbsarbeit materielle Sicherheit, schafft Zukunftsperspektiven und die Möglichkeit für soziale Begegnungen. Sie gibt uns die Gewissheit, Teil der Gesellschaft zu sein. Nicht alle Menschen aber haben eine existenz sichernde Beschäftigung. Grundsätzlich gilt: Wer einer Erwerbsarbeit nachgeht,ist einem geringeren Armutsrisiko ausgesetzt. Während 7,0 Prozent der Gesamtbevölkerung in Armut leben, trifft es bei den Erwerbstätigen nur 3,9 Prozent. Nicht alle Männer und Frauen haben aber die gleichen Möglichkeiten, eine existenzsichernde Arbeit auszuüben. Einige sind beruflich schlecht integriert, andere sind vom Arbeitsmarkt ganz ausgeschlossen. Der Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und Armut besteht mindestens in dreierlei Hinsicht. So erzielt erstens kein Einkommen,wer keine Erwerbsarbeit hat. Erwerbslose können ihre Existenz nicht eigenständig sichern. Aber auch wer Arbeit hat, ist nicht zwingend vor Armut gefeit. So kämpfen zweitens Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen häufig mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze, weil sie als Niedrig qualifizierte selbst mit einem Vollzeitpensum nur einen kleinen Lohn erzielen. Drittens trägt auch die mangelnde Möglichkeit Beruf und Familie zu vereinbaren zu Armut bei. So kommen berufstätige Eltern –insbesondere Alleinerziehende – häufig nicht auf einen existenzsichernden Lohn, weil die Betreuungsarbeit für Kinder oder für pflegebedürftige Angehörige es unmöglich macht, in einem grösseren Pensum oder Vollzeit zu arbeiten.Die Kantone als Nahtstelle Basierend auf der Erkenntnis, dass Erwerbsarbeit Armut verhindert, haben Invalidenversicherung, Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe die berufliche Integration in den letzten Jahren zunehmend gefördert.Dabei konzentrierten sie sich jedoch häufig auf spezifische Phasen der Erwerbslosigkeit oder auf bestimmte Bevölkerungsgruppen. Für eine nachhaltige Armutspolitik ist aber ein ganzheitlicher Blick entscheidend. Hier braucht es das Engagement der Kantone. Ihnen kommt in der Konzeptualisierung der nachhaltigen beruflichen Integration sowie in der Steuerung, Priorisierung und Koordination derselben eine zentrale Rolle zu. Caritas richtete in ihrem diesjährigen Armutsmonitoring den Blick deshalb auf die Kantone und auf die Frage, ob diese über kohärente Strategien zur beruflichen Integration verfügen.

In sechs Kantonen liegen Strategien vorDie Analyse der Befragung zeigt: Das strategische Engagement in der beruflichen Integration unterscheidetsich stark zwischen den Kantonen. Nur in sechs Kantonen – namentlich in Aargau, Basel-Stadt, Bern, Freiburg, Neuenburg, Tessin – liegen derzeit kantonale Strategien zur beruflichen Integration vor. Die Strategien basieren alle auf kantonalen Situationsanalysen definieren Ziele und leiten Massnahmen daraus ab. Die Wirkungsmessung ist unterschiedlich weit fortgeschritten. Inhaltlich fokussierendie Kantone ausschliesslich auf die (Wieder-)Eingliederung von Erwerbslosen, insbesondere von jungen Erwachsenen, Langzeitarbeitslosen oder Migrantinnen und Migranten. Die zur beruflichen Integration notwendigen Rahmenbedingungen wie die Besserstellung von «Working Poor» oder die Verbesserung der Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, werden von den Kantonen in den Strategien selten in den Blick genommen. Auch die Aus-, Um- und Weiterbildung von Erwerbslosen wird nur in ausgewählten Zusammenhängen thematisiert.Mit Basel-Landschaft, Genf, Luzern, Schaffhausen, Solothurn und Waadt verfügen weitere sechs Kantone über strategische Ansätze zur beruflichen Integration. Das heisst, sie besitzen Armutsberichte, in denen die berufliche Integration thematisiert wird oder definieren Ziele im Bereich der beruflichen Integration in der Legislaturplanung. Die restlichen 14 Kantone verfügen lediglich über Basisstrukturen.

Erfordernisse aus Sicht der Caritas

Das Prinzip, Armut durch Arbeit zu bekämpfen, ist nicht neu und wird seit einigen Jahren auch von den Sozialwerken priorisiert. Trotzdem besteht aus armutspolitischer Optik Handlungsbedarf. Als zentrale armutspolitische Akteure nehmen die Kantone hier eine wichtige Rolle ein. Sie bilden die Nahtstelle zwischen den Akteuren der beruflichen Integration. Caritas fordert die Kantone deshalb dazu auf, Strategien zur beruflichen Integration zu verabschieden, die auf kantonalen Situationsanalysen basieren,Ziele und Massnahmen beinhalten und systematisch evaluiert werden. Dabei ist es zentral, inder beruflichen Integration über die (Wieder-)Eingliederung Erwerbsloser hinaus zu gehen. Strategien müssen auch grundlegende Arbeits- und Rahmenbedingungen in den Blick nehmen. Für eine nachhaltigeberufliche Integration muss die Erwerbsarbeit mit der Familie vereinbar und der Lohn existenzsichernd sein. Zudem gilt es, das Potenzial qualifizierender Aus- und Weiterbildung für alle – unabhängig vom Alter – auszuschöpfen.

Gleichzeitig darf man die Augen vor der Realität nicht verschliessen. Immer mehr Menschen finden nach einem Stellenverlust nicht mehr zurück in den Arbeitsmarkt. Insbesondere das Stellenangebot für Niedrigqualifizierte geht zurück. Diese Entwicklung wird sich im Zuge der Digitalisierung verstärken.Die Kantone sind deshalb gut beraten, eine erfolglose berufliche Integration nicht als individuelles Scheitern hinzunehmen, sondern Strategien zu entwickeln, wie soziale Teilhabe für diese Menschen ausgestaltet sein soll.

 

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