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Andrang bei Caritas

Andrang bei Caritas

 

Sie bleibt ruhig, antwortet entschieden und verteilt kleine weisse Papierzettel mit Nummern, so geht es der Reihe nach. Nur eine Frau schlüpft durch die Menge: sie ist im neunten Monat schwanger und kann nicht so lange stehen. Sie fragt, ob sie ein paar Dinge fürs Baby haben könnte und geht strahlend mit einem neuen Strampelanzug davon.

Später am Vormittag kommen zwei Frauen, gebürtig aus Zabadani, einer seit Monaten umkämpften Stadt in Syrien. Die ganze Familie ist etwa vor zwei Wochen nach Baalbek gekommen. Um über die Grenze zu gelangen, mussten sie die syrischen Soldaten bestechen, sonst hätte das Militär die Grossfamilie nicht rübergelassen. Eine der beiden Frauen, die sich nicht fotografieren lassen wollen, beginnt, von den letzten Monaten in Zabadani zu berichten. Von den Bombardierungen. Den bewaffneten Männern, die kleine Kinder mit dem Gewehr bedrohen. Sie hat Tränen in den Augen. Dann schaltet sich auch ihre Cousine ein, sie will scheinbar von einer Granate berichten, die ganz in ihrer Nähe eingeschlagen ist. Aber ohne Dolmetscher ist das nicht zu verstehen. Sie versucht es mit Gesten. Zeigt immer wieder, dass etwas von oben kam und aufgeschlagen ist und etwas, das dann neben ihr hochgegangen ist. Je öfter sie versucht, die dramatische Situation zu beschreiben, desto bizarrer und komischer wird ihre Pantomime. Und schliesslich bricht sie in schallendes Gelächter aus. Wahrscheinlich kann man solche Erlebnisse nicht anders bewältigen.

Bei der Registrierung bei Caritas wird kontrolliert, wann die Person über welche Grenze gekommen ist, woher sie stammt, wer alles zur Familie gehört. „Wir müssen das machen, damit die Hilfe wirklich bei den Richtigen ankommt“, erklärt Bernadette. Sobald wir können, gehen wir die Familie besuchen und klären ab, was sie brauchen. Lebensmittel oder Decken, Kleidung oder Windeln. Das können sie dann bei uns im Zentrum abholen. „Im Moment ist der Bedarf so gross, dass wir kaum nachkommen, die Familien zu besuchen. Und es werden immer mehr!“, seufzt Bernadette. Ein Tag in der Registrierungsstelle der Caritas zeichnet eine Landkarte des Krieges in Syrien. Geschichten, die sich ähneln, Geschichten von Angst, Gewalt und Ohnmacht. Und doch gibt jedes einzelne Schicksal diesem Krieg ein ganz individuelles Gesicht.

 

Text: Livia Leykauf-Rota, Caritas Schweiz / Bild: Sam Tarling

 

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