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Alltag einer Alleinerziehenden

Bettina* aus Luzern erzieht seit neun Jahren ihre Tochter Lena* alleine. Sie hat viel Unterstützung von Freunden und Familie, würde sich allerdings mehr Verständnis und Unterstützung von der Gesellschaft wünschen.

«Ich bin seit dem dritten Schwangerschaftsmonat alleine. Meine junge Liebe zum Vater meiner Tochter Lena* zerbrach damals wegen grosser Eifersucht seinerseits. Ich kämpfte mich mit niedrigem Lohn und schlechten Arbeitsbedingungen durchs Leben, bis ich eine tolle Wohnung und einen neuen tollen Job fand, bei dem ich noch heute, nach sechs Jahren, arbeite. Meine Tochter hatte immer die beste Betreuung, sei es bei der Tagesmutter, bei meinen Eltern, meinen Geschwistern, in der Kinderkrippe oder bei einem guten Freund, der mittlerweile für meine Tochter wie ein Vater ist. Der Vater meiner Tochter interessiert sich bis heute kaum für seine Tochter. Das, was er immer machte und macht, sind Alimente zahlen. Kennen tut sie ihn aber nicht.

Mein Umfeld hilft mir sehr, das Leben als Alleinerziehende zu meistern und unterstützt uns da, wo wir es brauchen. Ich lebe ohne Sozialhilfe, da ich genau auf dem Existenzminimum bin. Im Moment arbeite ich 60 Prozent, ab Sommer werde ich meinen Beschäftigungsgrad auf 70 Prozent erhöhen. Es ist ein Versuch, da ich gesundheitliche Probleme habe. Einerseits bin ich Migräne-Patientin, und andererseits hatte ich vor sechs Jahren eine Fuss-Operation, die leider bis zum heutigen Zeitpunkt Komplikationen zeigt. So habe ich zwei bis drei Therapien pro Woche, um die Zeit bis zur nächsten Operation zu überbrücken.

Da ich drei ganze und ab Sommer dann drei ganze und einen halben Tag arbeite, mache ich an meinen freien Tagen den Haushalt, den Einkauf, arbeite und lerne für mein Fernstudium und erledige sonst noch Dinge, die so anstehen. Jeden Tag haben meine Tochter und ich Zeit für uns gemeinsam zwischen 30 und 60 Minuten. Wir bestehen beide auf diese Zeit und halten sie konsequent ein, bevor sie dann um 21 Uhr im Bett ist. Samstags gehe ich manchmal nach Zürich, um einem guten Freund im Haushalt zu helfen. So verdiene ich mir ein kleines Taschengeld dazu. Sonntag ist der einzige Tag an dem ich nichts für mein Studium und meinen Haushalt tun möchte. Diesen Tag nutzen wir, um etwas mit Freunden oder der Familie zu unternehmen.

Lena und ich sind ein sehr eingespieltes Team, und dank meinem Umfeld funktioniert unser Leben reibungslos. Für Lena gab und wird es auch sicherlich wieder Momente geben, an denen sie ihren Vater vermisst, oder versucht zu verstehen, warum er an ihr nicht interessiert ist.

Meine Tochter und mein Umfeld geben mir so viel Kraft, Halt und Anerkennung, dass ich nie daran dachte, dass ich scheitern könnte. Meine Tochter kommt nun ins Teeniealter, eine wirklich anstrengende Zeit, da sie vermehrt ein Ventil sucht, um den ganzen Stress abzuladen. Am besten geht dies zu Hause, da die Mutter einen natürlich immer wieder in den Arm nimmt, einen gern hat und nicht nachtragend ist.

Wenn meine Tochter mich umarmt, mich anlacht, oder wir zusammen lachen, uns umarmen und gemeinsam tolle Dinge erleben, gibt es mir Kraft und mir ist klar, dass ich es richtig mache und auf dem richtigen Weg bin.

Für mich bedeutet Mutter sein, für mein Kind ein Vorbild zu sein, meinem Kind Grenzen zu setzen und mein Kind zu lehren, sich in der grossen und weiten Welt zurecht zu finden. Und meine Mutterrolle heisst auch, meinem Kind Geborgenheit und Liebe zu geben. So dass Lena immer weiss, dass sie mit mir über alles sprechen kann, mir vertraut und immer nach Hause kommen kann. Dass sie weiss, dass sie immer auf mich zählen kann. Dies möchte ich ihr mit auf den Weg geben. Glück und Zufriedenheit. Ehrlichkeit und Vertrauen.

An vielen Punkten überlegte ich mir schon, dass die Gesellschaft die Familienform der Alleinerziehenden noch nicht angenommen hat. So gibt es zum Beispiel Vergünstigungen für Pensionierte, IV-Beziehende, Studenten/Studentinnen, Schüler/innen, Lehrlinge, Kinder, aber was ist mit den Alleinerziehenden? Im Geld schwimmen wir ja nicht. Wenn das Kind krank ist und die Mutter arbeitet, dann hat die Mutter, wie alle anderen, auch nur ein bis drei Tage pro Krankheit pro Kind zur Verfügung. Der Vater ebenfalls. Was aber, wenn es den liebenden Vater gar nicht gibt? Was, wenn die Eltern und Geschwister nicht in der gleichen Stadt wohnen oder arbeiten? Was, wenn die Tagesmutter das Kind bei ansteckenden Krankheiten logischerweise nicht in Betreuung nehmen kann? Dann gehen die Ferien der Mutter drauf, oder sie muss unbezahlten Urlaub nehmen, den sie sich eigentlich nicht leisten kann. Alleinerziehende können sich eher kein Auto leisten, je nach Verdienst, Alleinerziehende können sich aber auch kein GA leisten. Also warum gibt es für Alleinerziehende keine Vergünstigungen, um von A nach B zu kommen?

Da der Kontakt zum Vater nicht besteht, gibt es bei mir auch keine obligaten freien Wochenenden. Das ist für mich kein Problem, es war nie anders. Wenn ich es dann doch mal möchte, ist viel Organisation dabei. Ab und zu habe ich auch im Job abends eine Sitzung oder sonntags eine Veranstaltung; dann besteht die Erwartungshaltung, dass ich eine Betreuungslösung bereit habe. Ich glaube, es ist von aussen teilweise schwierig nachvollziehbar, dass die entsprechende Organisation manchmal sehr aufwändig sein kann.

Meine Tochter spielt Volleyball und machte bis vor kurzem noch Kampfsport. Auch da ist es finanziell natürlich eher eng. Wenn sie dies alles will, dann müssen meine Bedürfnisse kürzer treten. Ich finde meinen Ausgleich beim Velofahren, Schwimmen, Biken, Tischtennis oder Tischfussball. Ich geniesse es auch sehr, einfach mal mit einer Freundin oder einem Freund ein gutes Gespräch zu führen. Da ich auch enge Freunde mit Kindern habe, ist das dann gleich eine Win-Win-Situation. Gerne hätte ich mehr finanzielle Unterstützung, zum Beispiel bei Freizeitaktivitäten für meine Tochter. Ich würde mich auch über einen Kurs freuen, an dem Mutter und Tochter teilnehmen können.

Ich denke, Alleinerziehende müssen sehr belastbar sein, um Job, Erziehung, Haushalt und finanzielles unter einen Hut zu bringen. Erst dann kommen Freundschaften und Freizeit. Sie leisten in meinen Augen viel mehr, als Familien die aus Vater, Mutter und Kind(ern) bestehen. Das kann manchmal die Stimmung und das Wohlbefinden belasten, und man lebt nicht gleich „unbefangen“. Eine Alleinerziehende möchte ihrem Kind gerecht werden, im Job keine Sonderrolle bekommen und hat dann fast keine Zeit mehr, etwas für sich selber zu tun.

Ich bedanke mich bei meiner Tochter, die so gut mitmacht, meiner Familie, die mich so gut unterstützt, bei meinen Freunden, die für mich da sind und mir Verständnis entgegen bringen und bei allen Menschen, die irgendwie einen Platz in meinem Leben gefunden haben. Danke, dass ihr für uns da seid. »

Bettina, 30 Jahre, aus Luzern (*Namen von der Redaktion geändert)

Text: Caritas Schweiz
Bild: Symbolbild

 

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