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Alltäglichen Rassismus zur Sprache bringen

Beratungsstelle «Respekt für alle» der Caritas hilft Rassismusopfern im Kanton Freiburg - Mediendienst 12/2016

Seit dem 21. März 2016 – dem internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung – bietet Caritas Schweiz im Kanton Freiburg eine Beratungsstelle für Rassismusopfer und Rassismusprävention unter dem Namen «Respekt für alle» an. Eine Bilanz nach acht Monaten Erfahrungen mit Opferberichten und Beratung.

Im Auftrag des Kantons führt die Abteilung Freiburg der Caritas Schweiz die Beratungsstelle «Respekt für alle». An sie können sich Menschen wenden, die aufgrund ihrer Rasse, Religion, Ethnie, Nationalität, Sprache oder Herkunft mit Rassismus konfrontiert sind. Wurde jemand von der Polizei nur aufgrund seiner Hautfarbe auf rüde Weise kontrolliert? Machen Arbeitskollegen wegen eines Akzentes verletzende Witze? Wird ein Angestellter von einem Kunden mit Spott und Hohn kolonialistischer Färbung drangsaliert? Bekommt ein Arbeiter systematisch immer nur die schwersten Arbeiten übertragen? Wird eine Frau von einem Passanten mit rassistischen Schimpfwörtern auf das Übelste attackiert? Menschen, die solche oder vergleichbare Erfahrungen machten, finden bei «Respekt für alle» nicht nur ein offenes Ohr, um über das Erlebte zu sprechen, sie bekommen auch den juristischen Rat und die administrative Unterstützung, die sie brauchen. Sie werden an die entsprechende Anlaufstelle weitervermittelt und erhalten die nötigen Informationen, wenn sie vor der Behörde aussagen möchten.

Opfer müssten rassistisches Verhalten beweisen

In nur acht Monaten suchten rund 20 Personen die Beratungsstelle auf, um über ihre Erfahrungen mit Rassismus zu sprechen. Es sind Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und mit verschiedensten Erfahrungen. Einige beklagten sich über Rassismus von Seiten anderer Ethnien in den Asylzentren, wieder andere leiden unter Fremdenfeindlichkeit in der Nachbarschaft oder unter einer gegenüber Diversität wenig offenen Schule. Sie berichten über ungerechtfertigte Festnahmen aufgrund von angeblichen Delikten oder über die rassistischen Bemerkungen ihrer Kollegen. Ihre Erwartungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Dabei liegt die Schwierigkeit auf der Hand: Den Opfern selbst obliegt die Beweiserbringung für das rassistische Verhalten. Ihre Erwartungen sind von daher selten hoch. Manchmal geht es den unter Rassismus oder Diskriminierung leidenden Menschen einfach darum, als Opfer der sozialen Ungerechtigkeit eines Systems anerkannt zu werden. In vielen Fällen ist ihnen auch bewusst, dass latenter Rassismus geschichtlich begründet ist und unbewusst ausgeübt wird, gefördert durch das kollektive Unterbewusstsein.

In vielen Fällen gehen sie aktiv gegen den Rassismus an, um ihren Angehörigen und ihrem Umfeld zu helfen. So wandte sich ein Mann mit dem Wunsch an die Beratungsstelle, eine Klage vor Gericht zu unterstützen. Er wollte seinen Kindern aufzeigen, dass er eine Ungleichbehandlung aufgrund seiner Hautfarbe einfach nicht akzeptiert. Eine Frau klagte gegen das diskriminierende Vorgehen der für Rückführung zuständigen Behörde, um andere Frauen hiervor zu schützen. Ein Mann wollte in den Medien über diskriminierende Methoden der Polizei berichten, um die öffentliche Meinung für dieses Thema zu sensibilisieren.

Die Hauptschwierigkeit liegt in der Beweislast. Es muss nachgewiesen werden, dass die Ungleichbehandlung ausschliesslich oder hauptsächlich auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse, Religion, Nation, Ethnie, Region oder Sprache zurückzuführen ist. Das ist umso schwieriger, als es keine «menschlichen Rassen» gibt. Es gibt nur eine einzige menschliche Spezies. «Kann dann Rassismus überhaupt existieren?», fragen daher Gegner der Rassismusbekämpfung. Historisch gesehen besitzt das Rassismuskonzept eine «wissenschaftliche» Grundlage, bei der menschliche Rassen in biologische, hierarchisch strukturierte Kategorien eingeordnet werden. So erklärte man die Ausbeutung der Gruppen untereinander. Im 21. Jahrhundert wurde diese wissenschaftliche Begründung durch eine soziokulturelle ersetzt, die jedoch weiterhin vom Gedanken der Kategorienbildung und Hierarchisierung geprägt blieb. Doch diese Diskriminierungsmechanismen laufen im Allgemeinen unbewusst ab und sind stark beeinflusst vom jeweiligen Umfeld.

Wenn Diskriminierung kleingeredet wird

Selbst wenn die Diskriminierung offiziell anerkannt ist, wird ihre zerstörerische Wirkung auf die Opfer kleingeredet. Sie wird banalisiert und sozial akzeptiert. Aber wie ist es in einer Gesellschaft, die Rassismus kleinredet, überhaupt möglich, Opfern zu helfen? Wie können Rassismusopfer zu ihren Rechten kommen? Wie erreicht man, dass rassistisches Verhalten als solches anerkannt wird?

Rassismusopfer besitzen manchmal den Mut, sich zu verteidigen und suchen Unterstützung bei ihren Vorgesetzten. Aber in vielen Fällen zeigen sich auch diese hilflos, und angesichts eines drohenden Konflikts entscheiden sie sich für den leichteren Weg, sprich die „Opferung“ des Hilfesuchenden. Denn er ist in einem Konflikt immer das schwächste Glied. Hinzu kommt, dass in vielen Fällen die Helfer selbst von sozialen Stereotypen und Vorurteilen beeinflusst sind.

«Respekt für alle» unterstützt die Opfer dabei, das Erlebte zu begreifen und zu verarbeiten. Historische und kulturelle Faktoren werden bei der Situationsanalyse mitberücksichtigt. Eine Frau wandte sich an die Personalabteilung ihrer Firma, weil sie immer wieder den rassistischen Witzen ihrer Kollegen ausgesetzt war. Sie wurde daraufhin entlassen, um die Harmonie im Team wieder herzustellen. Nur bestätigt zu bekommen, dass die Bemerkungen, die sie immer wieder hören musste, tatsächlich rassistisch waren, half dieser Frau sehr und gab ihr wieder etwas von dem Selbstbewusstsein zurück, das sie während monatelangem Mobbing verloren hatte. Letztendlich war sie selbst unsicher geworden, ob sie die Situation richtig interpretiert hatte. Rassismus zerstört das Selbstbewusstsein der Opfer. Die Beratung ermöglicht es, über das Erlebte zu sprechen und sich auszutauschen. Die Gespräche laufen oft unerwartet ab, manchmal berührend, manchmal lustig oder auch traurig. Auch am Telefon oder über Mail können die Opfer Rat einholen und es gibt auch ein offenes Forum auf der Website von „Respekt für alle“. Ziel des Internetforums ist es, die Stimmen der in Freiburg lebenden Menschen einfangen zu können, um zu erfahren, wie sie Rassismus und Diskriminierung erleben. Dies soll helfen, möglichst realitätsnahe Präventionsprojekte gegen Rassismus erarbeiten zu können. 

 

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