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5 Fragen an Martin Jaberg zur Situation auf Haiti ein knappes Jahr nach Hurrikan Matthew

Haiti braucht kontinuierliche Hilfe, um wieder auf die Beine zu kommen -

Die Hoffnung in Haiti ist gross, dass eine gute Ernte Ende des Sommers die Ernährungssituation im Süden des Landes verbessern wird. In dieser Region hatte der Hurrikan Matthew Anfang Oktober 2016 die grössten Verwüstungen angerichtet. Die Phase der Katastrophenhilfe geht zu Ende, aber Caritas steht den Haitianern weiterhin zur Seite.

 

Welche Situation herrscht auf Haiti zehn Monate nach den Verwüstungen durch Hurrikan Matthew?

In den vom Wirbelsturm am stärksten betroffenen Bezirken, Grand‘ Anse und Sud herrscht trotz der laufenden Nothilfe für die Bevölkerung eine Ernährungskrise. Die Bezirke Nippes, Sud-Est, Haut Artibonite, Nord-Est und Nord-Ouest wurden durch Matthew nur wenig oder gar nicht zerstört. Dennoch ist auch hier aufgrund der Trockenheit, die dem Hurrikan Matthew auf den Fuss folgte, die Ernährungssituation kritisch. Im Süden sind die klimatischen Bedingungen bisher günstiger und man hofft weiterhin auf einen guten Ernteertrag. Aber auch hier sind der begrenzte Zugang zu Saatgut und der Einfluss von El Niño erhebliche Erschwernisse für die Landwirtschaft. Der Grossteil der Produkte, die man derzeit auf den Märkten des Landes kaufen kann, sind importiert, mit Ausnahme von Erzeugnisse aus lokalen Gemüsekulturen. Doch es besteht die Hoffnung, dass sich die Versorgung demnächst verbessern könnte. Wichtig wäre es, dass die Preise, die höher sind als 2016, stabil bleiben. Alles hängt davon ab, wie gut die nun unmittelbare bevorstehende Ernte ausfallen wird.  

Wie viele Menschen sind nach wie vor auf humanitäre Hilfe angewiesen?

Ungefähr 1,4 Millionen Menschen sind direkt von Hurrikan Matthew betroffen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 2017 im gesamten Land rund 2,7 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, Schutz oder Soforthilfe benötigen. Um die Menschen mit dem Dringlichsten zu versorgen – über die Hälfte dieser Bedürfnisse sind eine direkte Folge des Hurrikans –, wurde ein Hilfeaufruf über 291,5 Millionen Dollar lanciert. Aber bis zum Mai kam noch nicht einmal ein Fünftel dieser Summe zusammen. Die mangelnde Finanzierung von Projekten in den betroffenen Gebieten könnte die Ernährungssicherheit der Haushalte noch weiter verschlechtern.

Welche Hilfe leistete Caritas Schweiz in den vergangenen zehn Monaten?

Caritas förderte die Bildung von Komitees mit Behördenvertretern und Vorstehern der regionalen Bezirke. Diese Komitees wählten die Haushalte aus, die am dringlichsten Unterstützung benötigten, sie begleiten die Planung der Massnahmen und betreuen deren Umsetzung vor Ort. In der ländlichen Region Camp-Perrin im Norden von Les Cayes hatte der Hurrikan schwere Verwüstungen angerichtet. Gemeinsam mit ihrem lokalen Partner Ahaames führte Caritas Schweiz von Dezember 2016 bis Mai 2017 ein Soforthilfeprogramm durch. In Zusammenarbeit mit der Bevölkerung konnte man die Felder wieder in Stand setzen und auf einer Länge von 2,5 Kilometern die Bewässerungsleitungen von Schutt und Steinen befreien. Diese Massnahmen ermöglichten über 3000 Haushalten, ihre Felder zu bewirtschaften. Die Bauernfamilien haben wir mit Bargeld und der Abgabe von landwirtschaftlichen Geräten unterstützt. Zudem wurden sieben Tonnen Mais, 18 Tonnen Bohnen sowie 600 000 Süsskartoffel-Setzlinge und 500 000 Maniok-Setzlinge verteilt. In Arniquet verteilte Caritas Schweiz über die lokale Partnerorganisation Caritas Les Cayes bis zum Februar Lebensmittel und Anti-Cholera-Kits und führte Sensibilisierungskampagnen gegen die Cholera durch. 2700 besonders betroffene Familien erhielten über die lokale Telekommunikationsgesellschaft direkte Finanzhilfe, insgesamt profitierten hiervon 13 500 Personen. In der Region Les Cayes haben wir im April 2017 in Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen Ahaames und Caritas Les Cayes die Hilfsmassnahmen verlängert. Das Projekt konzentriert sich auf Camp-Perrin, aber auch auf die Gemeinden Arniquet und Saint-Jean. Caritas unterstützt in diesen Dörfern 252 Familien mit Baumaterial und schult gleichzeitig die Maurer und Schreiner der Region mit technischen Bauanweisungen für wirbelsturmresistente Gebäude. Im Weiteren wurden Jungpflanzen und Saatgut an die Bevölkerung verteilt. "Cash for work“-Massnahmen ermöglichten der Bevölkerung den Erwerb zusätzlichen Materials für den Wiederaufbau ihrer Häuser sowie anderer dringend benötigter Produkte. Caritas verfolgt das Ziel einer langfristigen Unterstützung der Bevölkerung mit Blick auf Nothilfe, Wiederaufbau und Entwicklung. Auch in der Region Léogâne (Delatte und Gros Morne) sowie im Südosten der Hauptstadt Port-au-Prince ist die Phase der Katastrophenhilfe abgeschlossen. An 1959 Familien wurden Bohnen und schnell reifendes Saatgut verteilt. 1367 Familien erhielten Wellblech und Nägel für die Reparatur ihrer Häuser. Des Weiteren konnten 30 Schulen wieder in Stand gesetzt werden, so dass der Unterricht wieder stattfindet.  Caritas engagierte sich auch für die Sanierung des Strassennetzes und schuf so Arbeitsplätze für die Strassenarbeiter.

Kommt Haiti langsam wieder auf die Beine?

Die Situation bleibt weiterhin schwierig. Und die Hilfe reicht bei weitem nicht aus. Aufgrund der instabilen Lage und den zahlreichen Krisen investieren die Geldgeber nur mit grosser Zurückhaltung in die Zukunft des Inselstaates. Viele Gegebenheiten belasten die Weiterentwicklung Haitis, so zum Beispiel die instabilen Telekommunikationssysteme, die Frühwarnung und schnelle Hilfe im Fall einer Naturkatastrophe sehr erschweren. Die schlechte Infrastruktur und instabile Sicherheitslage halten potenzielle Investoren davon ab, in das Land zu investieren.

Konnte die Effizienz der humanitären Hilfe zwischen dem Erdbeben 2010 und dem Hurrikan Matthew verbessert werden?

Ja. Nach Matthew zeigte sich, welch positive Rolle die haitianischen Behörden beim Krisenmanagement spielten. Die Präventionsmassnahmen und die schnelle Mobilisierung der internationalen Hilfsorganisationen wurden entscheidend verbessert. Auch beim Management der Notunterkünfte hatte man Fortschritte gemacht. Und die Widerstandskraft der ländlichen Haushalte war nach Matthew bereits höher als nach dem Erdbeben 2010. 

 

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