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5 Fragen an Jakob Strässler zu der seit zwei Jahren anhaltenden Dürre in Somaliland

„Wenn wir nicht sofort handeln, werden die Menschen alles verlieren!“ - Mediendienst 5/2017

Zyklische Dürren sind typisch für Somaliland. Aber die aktuelle seit 2015 anhaltende Dürreperiode ist besonders schwerwiegend. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung braucht derzeit humanitäre Hilfe. 80 Prozent der Tiere sind verhungert. Mit Hilfe von Lastwagen wird im ganzen Land Wasser verteilt. Auch Caritas leistet notwendige Überlebenshilfe, wie Jakob Strässler, Konsulent für Somaliland, berichtet.

 Jakob Strässler, Sie kommen gerade aus Somaliland zurück. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Seit zwei Jahren sind Somalia und besonders Somaliland in einem Teufelskreis der Dürre gefangen. In dieser Zeit regnete es kaum noch. Auch wenn die Regenfälle jetzt allmählich wieder einsetzen, sind die Niederschlagsmengen doch sehr ungleich auf die Regionen verteilt. Niemand kann sagen, ob sie bis zum Juni anhalten werden, was einer normalen Regenzeit entspräche. Die Vorhersagen sind eher pessimistisch. Viele Familien haben ihren gesamten Viehbestand – Kamele, Schafe und Ziegen – verloren und damit ihre Existenzgrundlage. 

Welches sind derzeit die dringlichsten Bedürfnisse?

Wir müssen die Menschen, die fast alles verloren haben, mit Hilfsgütern versorgen, damit sie bis zur nächsten Regenzeit überleben können. Sie könnten dann versuchen, ihre Wirtschaft wieder aufzubauen. Sie brauchen Wasser, Lebensmittel und cash, um wieder Kaufkraft zu entwickeln. Wir müssen medizinische Versorgung ermöglichen und den Kindern den Schulbesuch. Um zu überleben, brauchen die Menschen dringend Planen, Decken, Hygieneprodukte und Küchenutensilien. Nur wenn wir verhindern, dass sie alles verlieren, können sie auf einen Neuanfang hoffen. Diese Art der Hilfe werden wir in den von der Dürre am meisten betroffenen Regionen im Osten von Somaliland leisten. Die lokalen Konflikte zwischen den Clans um Land, Futtermittel, Wasser oder schlicht um die Macht erschweren die Situation noch zusätzlich. Die Menschen können nicht mehr wie früher einfach weiterziehen, um eine Lebensgrundlage zu finden.

Wie leben die Menschen, die keinerlei Zugang zu Wasser haben?

Für die im Land verstreut lebenden Halbnomaden verteilen staatliche Stellen und Hilfswerke Wasser über Tanklastwagen. Familien sind registriert und haben zum Beispiel Anspruch auf eine bestimmte Anzahl an Wasserkanistern. Zuvor wurde die Wasserverteilung ab den Wasserstellen, die noch nicht ausgetrocknet waren, per Kameltransport gewährleistet. Aber Kamele gibt es kaum mehr. Ziegen und Schafe können keine grösseren Strecken zurücklegen und haben die Dürreperiode nicht überlebt. Wichtig ist vor allem zu verhindern, dass alle Menschen in die Regionen ziehen, die einen Brunnen besitzen. Der Andrang von so vielen Menschen und Tieren würden die lokalen Wasser- und Weideressourcen überfordern und es bräuchte eine umso längere Regenerationsphase. Zudem besteht die Gefahr, dass Konflikte mit der lokalen Bevölkerung entstehen. Die staatliche Politik zielt darauf ab, die Menschen in ihre Ursprungsregion zurückzuschicken und dort auch zu halten. Doch da sie ihre gesamte Existenzgrundlage verloren haben, brauchen sie Hilfe.

Die wichtigste Wirtschaftsaktivität ist der Verkauf von Tieren in die Golfstaaten. Wie sollen sich die Menschen da eine neue Existenz aufbauen?

Diese ausschliesslich auf Viehzucht ausgerichtete Wirtschaft macht einen grossen Teil des Problems aus. Man versucht, den Produktionsertrag zu maximieren. Das geht nur auf Kosten der Umwelt, die dadurch ihrerseits immer anfälliger wird gegenüber den Klimaschwankungen. In der aktuellen Krise erbringen selbst die Golfstaaten gewisse Hilfsleistungen, ohne dass man so recht weiss, welche Ziele sie damit verfolgen. Wenn die Nomadenviehzucht langfristig überleben soll, muss sie stärker reguliert werden.

Was machte Sie bei Ihrem jüngsten Aufenthalt in der Krisenregion besonders betroffen?

Die Menschen sind offener als früher. Ich konnte mit allen sprechen. Die Frauen kamen mit ihren Kindern spontan auf mich zu. Sie sind glücklich über die Präsenz der Hilfsorganisationen im Land, denn es zeigt ihnen, dass ihre Probleme wahrgenommen werden. Die Stadt Burao mit 300'000 Einwohnern, die sonst vor Leben vibriert, ist wie ausgestorben. Früher war die Stadt ein bedeutender Marktplatz für den Viehhandel. Doch das ist längst vorbei. Heute sieht man nur noch die Lastwagen, die die Wasserversorgung der weit entlegenen Dörfer gewährleisten. In der Stadt liegt der Preis für 200 Liter Wasser bei 10 Dollar, was 7 bis 8 Dollar mehr ist als noch vor einem Jahr. 

 

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