Neue Dimension der Krise in Äthiopien

5 Fragen an Jens Steuernagel, Landesdirektor in Äthiopien - Mediendienst 7/2022

Äthiopien ist ein fragiles Land. In den letzten Monaten hat sich die Lage aber durch die Ukrainekrise weiter verschlimmert. Wie ist die Situation jetzt? 

Äthiopien leidet gleichzeitig unter verschiedenen Krisen. In mehreren Teilen des Landes herrscht Dürre. Darüber hinaus gibt es in einigen Regionen sicherheitspolitische Probleme. Das hat es zwar schon in der Vergangenheit immer wieder gegeben, aber diesmal steigen auch noch die Lebenshaltungskosten massiv. Schon vor dem Krieg in der Ukraine belastete eine massive Inflation die äthiopischen Haushalte: innerhalb der letzten 6 bis 9 Monate haben die Preise gerade für Grundnahrungsmittel um teilweise mehr als 300% zugenommen (vor allem Öl, Dünger und Mehl). 

Gibt es einen direkten Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine? 

Die Ukrainekrise hat alles weiter angefacht. Es ist eine fatale Kettenreaktion: die Treibstoffpreise haben sich fast verdoppelt. Das bedeutet, dass auch die motorbetriebene Bewässerung der Felder und der Transport von Gütern deutlich teurer wird. Hinzu kommt, dass derzeit Diesel und Benzin sehr knapp und sind und die Menschen teilweise einen ganzen Tag an der Tankstelle stehen, um Treibstoff zu erhalten. Grosse, nationale Krisen kennt Äthiopien. Diese aber erreicht eine neue Dimension, weil sie auf eine globale Krise treffen, was die Situation im Land erheblich verschärft. 

Was bedeutet dies für das konkret für das Leben der Menschen in der Region? 

Wir verzeichnen einen massiven Preisanstieg besonders für Importgüter (wie z.B. Dünger und Treibstoff). Das führt dazu, dass die Grundnahrungsmittel teurer werden, ohne dass gleichzeitig die Einkommen steigen. Das zieht oft soziale Spannungen nach sich. Familien sind gezwungen, dort zu sparen, wo es für die Leute am einfachsten scheint: etwa an der Bildung für die Mädchen. Durch die Dürre wird Trinkwasser knapp, die Menschen müssen viel länger laufen, um an Wasser zu kommen. Das können schon viele Kilometer sein, oft zu Fuss oder mit Esel. Die Alternative ist, dass sie wieder aus unsauberen Quellen trinken, was eine Gefährdung für die Gesundheit darstellt. Durch die extreme Trockenheit stirbt das Vieh, nicht selten die ganze Herde eines Bauern. Um dem vorzubeugen, ziehen die Bauern mit ihren Tieren in andere Gebiete, auf der Suche nach Gras und Wasser. Dieses verdichtete Leben auf der Flucht vor der Dürre bleibt oft nicht ohne Konflikte.  

Wie kann hier kurzfristig Hilfe geleistet werden?

Caritas verteilt besonders betroffenen Familien zum einen Futter für Kühe, damit diese wieder mehr Milch produzieren. Zum Kauf von Nahrungsmitteln, anderen notwendigen Dingen oder sauberem Wasser werden auch Geldbeträge zur Verfügung gestellt, um die grösste Not zu lindern. 

Was muss längerfristig getan werden, um solchen Krisen vorzubeugen?

Ein wichtiger Punkt besteht darin, die lokalen Behörden und die Zivilbevölkerung auszubilden, um Krisen wie Dürren oder Flut rechtzeitig zu erkennen und ihnen zeitnah mit Massnahmen gegenzusteuern. Gleichzeitig müssen wir marode Wasserversorgungseinrichtungen wieder in Stand setzen und die Bevölkerung schulen, diese Systeme nachhaltig zu nutzen. Um bessere Erträge zu erzielen und krisenresistenter zu sein, ist eine Diversifizierung der Landwirtschaft dringend angezeigt. 

Bild: Diese Bäuerin verlor alle ihre Kühe an die Dürre. Äthiopien, 2022. © Ayaana Publishing PLC-Caritas Schweiz
 

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