«Langsam, aber stetig breitete sich die Armut in meinem Leben aus»

Ein Leben mit permanenten Schmerzen ist hart genug. Kommen dann noch finanzielle Sorgen hinzu, wird die Situation beinahe unerträglich. Janine*, alleinerziehende Mutter von vier inzwischen erwachsenen Kindern, erzählt von ihrem schwierigen Leben am Rande der Gesellschaft.

«Ab dem Moment meiner Scheidung im Jahr 1999 schlich sich Schritt für Schritt die Armut in mein Leben. Sie breitete sich ganz langsam, aber stetig aus. Als alleinerziehende Mutter von vier Kindern bekam ich damals nur den Mindestbetrag von 320 Franken pro Kind zugesprochen, Unterhalt wurde mir nicht gezahlt. Ich musste mich, neben meiner Pflicht als Mutter, um den Haushalt kümmern. Daneben arbeitete ich Tag und Nacht, um mich und meine Familie durchzubringen. Die Kinder mussten auf vieles verzichten und ich auf alles. Damals begannen sich die ersten Schulden, vorwiegend Steuerrechnungen, anzuhäufen.

Anfang 2014 forderte mein Lebensstil seinen Tribut: Nach einem sehr anstrengenden Sonntagsdienst auf meiner Arbeitsstelle hatte ich den ersten Bandscheibenvorfall und musste mich einer Operation unterziehen. Bei einer erneuten Untersuchung wurde festgestellt, dass meine Lendenwirbel geschädigt sind. Bis heute plagen mich Tag und Nacht grausame Schmerzen. Meine restlichen Kräfte schwanden nach der Operation genauso dahin wie das Geld nach der Scheidung. Ich erlitt einen Totalzusammenbruch und landete in der Klinik. Nun gelte ich als arbeitsunfähig und muss morphinhaltige Medikamente gegen die Schmerzen einnehmen. Trotz nachgewiesener organischer Schäden hat mir die IV bisher kein Geld zugesprochen. Schmerzen seien eben nicht Grund genug für eine Rente. Deshalb kam der absolut schlimmste Moment in meinem Leben: der Gang zum Sozialamt. Von ihm erhalte ich gerade mal 750 Franken, darin sind 350 Franken für die Wohnung mit einberechnet. Ohne die finanzielle Hilfe meiner Kinder müsste ich auf der Strasse leben.

Tagtäglich muss ich gegen Gefühle wie Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit ankämpfen. Ich habe zum einen wegen meiner körperlichen Verfassung, zum anderen wegen meiner Geldnot keine Chance mehr, am richtigen Leben teilzunehmen. Die Geldsorgen quälen mich sehr, ich habe Existenz- und Verlustängste und die Abhängigkeit vom Sozialamt empfinde ich als demütigend. Auf der anderen Seite bin ich jedoch auch eine Kämpferin und glaube daran, dass sich doch noch alles zum Guten wendet und dass es im Universum Gerechtigkeit gibt. Kraft geben mir vor allem meine Kinder, die Natur und die Spaziergänge mit meinen Hunden, auch wenn diese nur noch in eingeschränktem Mass möglich sind. Auch die psychiatrische Spitex unterstützt mich sehr. Am meisten unterstütze ich mich jedoch selber, da ich mich täglich motivieren muss, um den Tag zu überstehen.

In der Schweiz gibt es viele Hilfsaktionen, doch offenbar ist keine für mich und meine Situation zuständig. Bei den Ämtern herrschen elend lange Wartezeiten. Meine ganze Lebenssituation kostet so viel Kraft, dass ich manchmal nicht weiss, wie lange meine Reserven noch reichen. Die Schweizer Politiker verfügen meiner Meinung nach alle über zu wenig Lebenserfahrung, sie wissen nicht, wie es ist arm zu sein und auf vieles verzichten zu müssen. Ich würde mir wünschen, dass die reiche Gesellschaft die Augen aufmacht und sich wieder vermehrt auf die Nächstenliebe besinnt.» 

Janine, aus dem Kanton St. Gallen (*Name von der Redaktion geändert)

Bild: Die Spaziergänge mit ihren Hunden geben Janine Kraft (Symbolbild). CC BY eLKayPics, 2013


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