«Es gibt kein Wort für die Angst»

Das Erdbeben und der nachfolgende Tsunami auf Sulawesi in Indonesien haben grosse Teile des Küstendorfes Loli Tasiburi zerstört. Die Menschen leiden an ihren Erinnerungen. Die Caritas hilft Kindern, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.

Das Team von IBU, der Partnerorganisation von Caritas Schweiz bei der Nothilfe auf Sulawesi, ist bei der Schule von Loli Tasiburi angemeldet. Die Schule liegt etwas erhöht und hat keinen Schaden genommen. Der Schulbetrieb läuft normal. Und doch ist Vieles alles andere als normal. Der Küstenstreifen vor der Schule ist komplett zerstört, Schutt türmt sich auf. Jeder Blick auf den übersäten Strand und aufs Meer hinaus erinnert ans Ereignis. Wer es überlebt hat, wird davon verfolgt.

«Goldenes Haus» hilft Kindern, die Schrecken der Katastrophe zu verarbeiten

Wir steigen aus dem Auto. Es ist Pause, und wir sind im Nu von Dutzenden von Kindern umzingelt. Es ist bereits unser zweiter Besuch in Loli Tasiburi. Der Austausch mit der Schulleitung und den Behörden dient der Organisation der geplanten Aktivitäten, die auf Indonesisch «Rumah Kencana» heissen – «Goldenes Haus». Dabei handelt es sich um grosse, kindgerecht eingerichtete Zelte, in denen Kinder und Jugendliche spielerisch psychosoziale Unterstützung in Anspruch nehmen können. Die Betreuungsteams wenden spezielle Methoden an, die den Kindern helfen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und Traumata zu überwinden.

Im Gebetsraum der Schule findet gerade eine erste Stunde mit den Schulkindern statt. Der Moderator hat jahrelange Erfahrung im Umgang mit traumatisierten Kindern: «Ich arbeite seit dem Tsunami von 2004 mit diesem Ansatz», erzählt er. Bereits nach fünf Minuten klatschen und singen die Kinder begeistert mit.

Während ich die Gruppe beobachte, legt mir eine Frau die Hand auf den Arm. Sie stellt sich vor als Mei, 36-jährig und Lehrerin der 29 Kinder, welche hier in Loli Tasiburi die zweite Primarklasse besuchen. In hervorragendem Englisch schmunzelt sie, dass sie noch nie in ihrem Leben mit einer Ausländerin geredet habe. Ich bin verblüfft von dieser kleinen, kecken Frau im dunkelroten Hijab und bitte sie, mir von den Ereignissen zu erzählen.

«Der Tsunami traf uns wie aus dem Nichts»

«Der 28. September war ein Freitag – der Tag von Allah. Unsere Kinder versammeln sich abends immer hier im Gebetsraum der Schule, um unter der Leitung des Imams zu beten und im Koran zu lesen.

Blog Indonesien: Es gibt kein Wort für die AngstViele Kinder waren hier. Ich war mit meinem Mann und dem zweijährigen Sohn daheim. Mein Mann schaute zufälligerweise aus dem Fenster und sah den Tsunami kommen. Es traf uns wie aus dem Nichts. Es gab kein Vorzeichen. Ein Warnsystem haben wir keines. Mein Mann packte das Kind, lief aus dem Haus und schrie ‹Tsunami! Tsunami! Rettet euch hoch zur Moschee!!›. Alle rannten um ihr Leben.»

Mei hält inne und fragt mich: «Aus welchem Land kommst du?» - «Aus der Schweiz», antworte ich. Sie fährt weiter: «Ich hoffe für dich und bete, dass dir in der Schweiz nie so ein Unglück widerfährt. Es gibt kein Wort für die Angst, die man durchmacht. Das Gefühl ist viel schlimmer als Angst. Immer wenn ich mich setze und nicht beschäftigt bin, kehrt das Gefühl zurück.»

Die Session ist vorbei, und die Kinder strömen an uns vorbei aus dem Raum zurück in die Klassenzimmer. Mei folgt ihnen, um den Unterricht fortzusetzen. Sie fasst mich nochmals am Arm: «So etwas soll dir nie, nie passieren! Ich bete für dich! Pass gut auf dich auf, Ausländerin!»

Text und Bilder: Ethel Grabher, Caritas Schweiz

 

Video ganz oben links: Die Kinder versuchen, mit Unterstützung der Caritas und unserer Partnerorganisation IBU, die Schrecken der Katastrophe zu verarbeiten.
Bild ganz oben rechts: Im Gebetsraum der Schule singen und klatschen die Kinder begeistert mit.
Bild oben links: Mei wollte nicht von vorne fotografiert werden. Sie blickt aus dem Gebetsraum der Schule auf den Strand und das Meer hinaus…
Bild darunter: …wo sie mit diesem Anblick konfrontiert ist.


Ethels Bericht aus Sulawesi, Oktober 2018
Vor ihrem Besuch in Loli Tasiburi und im Flüchtlingscamp von Balaroa hat Ethel Grabher die Mutter Ida kennengelernt. Zurück zu den ersten beiden Teilen von Ethels Bericht:

 

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