Die Schweiz darf Kinderarmut nicht tolerieren

Dringlichkeit fürs neue Parlament: Die Kinderarmut angehen - Mediendienst 12/2019

Kinderarmut in der reichen Schweiz ist weit verbreitet und ein ernstzunehmendes Problem. Obwohl die Armut steigt, überlässt der Bundesrat das Feld der Armutsbekämpfung den Kantonen. Doch lediglich vier Kantone haben die Dringlichkeit des Problems erkannt. Mit Familienergänzungsleistungen gehen sie erfolgreich gegen Kinderarmut vor. Caritas fordert darum vom neuen Bundesparlament ein Rahmengesetz, um dieses bewährte Mittel schweizweit einzuführen.  

In der Schweiz leben rund 1,7 Millionen Kinder. Davon sind rund 103 000 von Armut betroffen. Anders gesagt: In jeder Schulklasse gibt es durchschnittlich ein von Armut betroffenes Kind, armutsgefährdet sind gar mehr als drei. Ein Drittel aller Sozialhilfebeziehenden sind Kinder und Jugendliche. Sie bilden die grösste Altersgruppe in der Sozialhilfe. 

Vielfältige Gründe führen zu Kinderarmut

Vielfältige Ursachen führen dazu, dass Kinder in der reichen Schweiz von Armut betroffen sind. Kinder kosten zwischen 7000 und 14‘000 Franken pro Jahr, was besonders für Eltern mit tiefen Einkommen belastend ist. Nicht eingerechnet sind die indirekten Kosten, die dadurch entstehen, dass Eltern, insbesondere Mütter, nach der Geburt des ersten Kindes ihre Arbeitszeit reduzieren und die unentgeltliche Betreuungsarbeit übernehmen. Dies mindert ihren Beitrag zum Haushaltseinkommen.

Weiter ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Armutsbetroffene mangelhaft. Es gibt für sie zu wenig preisgünstige und erreichbare Angebote der familienexternen und schulergänzenden Betreuung. Die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit mit unregelmässigen Arbeitszeiten stellt insbesondere einkommensschwache Familien vor grosse Herausforderungen. Die Eltern von armen Kindern haben zu tiefe Einkommen. 70 Prozent aller armutsbetroffenen Kinder stammen aus Working-Poor-Familien. Ihre Eltern arbeiten entweder in Tieflohnsektoren oder in prekären Arbeitsverhältnissen wie Aushilfestellen, Temporär-Jobs oder Arbeit auf Abruf. Trotz Erwerbstätigkeit reicht ihr Lohn nicht aus, um den Lebensunterhalt der Familie zu decken.

Und schliesslich ist das Risiko einer Scheidung schlecht abgesichert. Überdurchschnittlich viele Kinder von Alleinerziehenden sind armutsbetroffen. Die Schweiz investiert sehr wenig in Kinder und Familien und liegt damit deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Auch die Ausgaben für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung, liegen dreimal tiefer als im OECD-Länderschnitt. 

Familienergänzungsleistungen als ein Mittel gegen Familien- und Kinderarmut

Kinderarmut ist nicht nur gegenwärtig ein Desaster, sie bestimmt auch die Lebensläufe der betroffenen Kinder. Armutsbetroffene Kinder haben geringere Bildungs- und Lebenschancen. Deshalb ist der Handlungsbedarf in verschiedenen Bereichen gross. Erstens muss die Existenz materiell besser abgesichert sein, dies ist die Voraussetzung für ein gesundes Heranwachsen. Zweitens müssen alle Kinder einen garantierten Zugang zu qualitativ guter früher Förderung haben. Die ersten Lebensjahre sind für die Entwicklung entscheidend. Und drittens muss das Angebot an familienexterner und schulergänzender Kinderbetreuung für alle Kinder gewährleistet sein. 

Die Caritas hat für die materielle Existenzsicherung das Mittel der Familienergänzungsleistungen genauer beleuchtet. Während es auf Bundesebene auch nach zehn Jahren nicht gelang, die Existenzsicherung von Familien voranzutreiben, haben vier Kantone dieses Instrument eingeführt. Evaluationen verdeutlichen die positive Wirkung, die Armutsquoten konnten teilweise beträchtlich gesenkt werden. Besonders wirksam ist das Modell Waadt. Hier werden Familienergänzungsleistungen bis ins Jugendalter ausbezahlt. Zudem übernimmt die Waadt den höchsten Anteil der Kinderbetreuungskosten und erstattet Gesundheitskosten zurück. Die Ergänzungsleistungen sind mit weiteren Leistungen verbunden, um die Erwerbsintegration der Eltern zu verbessern. Im Rahmen eines Coachings werden gemeinsam Massnahmen zur Verbesserung der Erwerbsintegration der Eltern entwickelt. Die Teilnahme an diesem Programm ist freiwillig, wird jedoch von einem Grossteil der Beziehenden der Familienergänzungsleistungen besucht. 


Fehlende Verbindlichkeit in der Armutsprävention erfordert schweizweite Lösung 

Armutspolitik wird weitgehend in den Kantonen gemacht. In den vergangenen Jahren wurden Familienergänzungsleistungen in zahlreichen Kantonen diskutiert. Hauptsächlich aus finanziellen Gründen wurden diese jedoch nicht eingeführt. Es ist darum dringlich, dass eine Lösung auf Bundesebene geschaffen wird, die den Kantonen aber auch den notwendigen Rahmen für die Umsetzung lässt. 

Für Caritas Schweiz ist klar: Kinder dürfen kein Armutsrisiko sein und die Armut der Eltern darf nicht auf die Kinder übertragen werden. Die Evaluationen in Kantonen mit Ergänzungsleistungen für Familien zeigen, dass dieses Instrument sehr effizient ist und für die Betroffenen, für die Gesellschaft und auch für die Sozialhilfe positive Wirkungen entfaltet. Caritas fordert deshalb das neue Parlament, Bund und Kantone auf, mit einem Rahmengesetz die Ergänzungsleistungen für Familien schweizweit durchzusetzen. Ein Rahmengesetz würde die Kantone verpflichten, Familienergänzungsleistungen nach bundesrechtlichen Regeln auszurichten. Es gibt Mindestmassnahmen vor, lässt den Kantonen aber auch eine gewisse Freiheit, die Leistungen den speziellen lokalen Gegebenheiten anzupassen. Dazu bräuchte es vom Bund verbindliche finanzielle Zusagen.

Caritas-Engagement: Kinderarmut überwinden 

 

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