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Armut ist weiblich

Die Gleichstellung von Frau und Mann reduziert Armut in der Schweiz - Mediendienst 2/2018

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Seit über 100 Jahren werden zum Frauentag Forderungen zu Chancengleichheit, gegen sexuelle Gewalt und für gleiche Rechte von Frauen und Männern vorgebracht. Sie sind so aktuell wie eh und je. Die Armutsfrage wurde bis anhin jedoch selten mit Gleichstellung in Verbindung gebracht. Dies ist erstaunlich, da geschlechterspezifische Ungleichheit und Diskriminierung auch die Armut in der Schweiz begünstigen.

Frauen sind hierzulande überdurchschnittlich von prekären Lebenslagen betroffen. Dies ist einerseits auf dem Arbeitsmarkt festzustellen: Öfter als Männer werden Frauen mit befristeten Arbeitsverträgen eingestellt und häufiger gehen sie – um ihre Existenz zu sichern – mehreren Jobs gleichzeitig nach. Frauen sind dreimal häufiger von Unterbeschäftigung betroffen als Männer. Das heisst, sie würden gerne mehr arbeiten, finden aber keine Stelle mit höherem Pensum. Nach einer Aussteuerung tragen Frauen ein höheres Risiko, ganz aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden. Auch ausserhalb des Arbeitsmarktes sehen sich Frauen öfter mit prekären Lebenslagen konfrontiert. In der Sozialhilfe sind sie bei den Langzeit- oder Dauerbeziehenden übervertreten. Auch von Armut sind Frauen hierzulande überdurchschnittlich betroffen. Von den 570 000 Armen in der Schweiz sind 330 000 Frauen. Die Armutsquote von Frauen liegt mit 8,1 Prozent mehr als zwei Prozentpunkte über derjenigen der Männer. Mit 15,5 Prozent sind Frauen auch häufiger armutsgefährdet als Männer (13,8 Prozent). Die Gründe für diese geschlechterspezifischen Unterschiede sind vielfältig, aber keineswegs neu.

Kleine Löhne drängen Frauen in die Care-Arbeit

Obwohl der Grundsatz der Lohngleichheit für Mann und Frau in der Bundesverfassung sowie im Gleichstellungsgesetz verankert ist, sind die Lohnunterschiede hierzulande gross. Frauen verdienen im Schnitt auch heute noch 18 Prozent weniger als Männer. Rund 40 Prozent dieses Unterschiedes können nicht erklärt werden. Grundsätzlich liegt das Lohnniveau in typischen Frauenberufen deutlich tiefer als in Männerberufen. Die Tatsache, dass Frauen häufig weniger verdienen als Männer, begünstigt die Entwicklung, dass sie bei der Familiengründung aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Zwar sind Frauen heute vermehrt erwerbstätig und Männer holen in der Kinderbetreuung auf, aber noch immer fallen Entscheide zur Übernahme von Erwerbsarbeit bei der Familiengründung geschlechterspezifisch. Während Frauen ihr Erwerbsarbeitspensum mehrheitlich reduzieren und einen Grossteil der unbezahlten Haus- und Betreuungsarbeit übernehmen, stocken Männer ihr Erwerbsarbeitspensum in der gleichen Lebensphase auf. Damit übernehmen Frauen aber das Armutsrisiko. Kommt es nämlich zur Scheidung, sind sie nicht genügend abgesichert. Oft reicht das Geld nach einer Trennung nicht, um zwei Haushalte zu finanzieren. Die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt gelingt den Frauen selten und so werden sie in die Sozialhilfe gedrängt, verschulden sich und bleiben häufig sehr lange arm.

Mangelnde Vereinbarkeit: Die Familie ist Privatsache

Kinder sind in der Schweiz weitgehend Privatangelegenheit. Mit 1,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes investiert die Schweiz deutlich weniger in Familien als beispielsweise Frankreich (2,5 Prozent), Österreich (2,8 Prozent) oder Deutschland (3,1 Prozent). Auffallend ist insbesondere die geringe Subventionierung von Kita-Plätzen. Das hat zur Folge, dass Eltern in der Schweiz verglichen mit den Nachbarländern einen doppelt bis dreifach so hohen Anteil an den Gesamtkosten tragen müssen. Neben den Kosten bleibt auch das lückenhafte Angebot an Kindertagesstätten und Tagesschulen Ursache für die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele Frauen verzichten deshalb ungewollt auf eine Erwerbsarbeit. Gemäss Berechnungen des eidgenössischen Büros für die Gleichstellung beträgt die Einbusse des Erwerbsvolumens 20 000 Vollzeitstellen.

Im Alter arm

Weil Frauen während der Erwerbsphase wenig verdienen, nur in Teilzeitpensen tätig sind oder gänzlich aus dem Erwerbsleben ausscheiden, sind sie auch im Alter öfter arm. Die Übernahme von unbezahlter Care-Arbeit – sei es das Betreuen von Kindern oder von betagten, kranken Angehörigen – führt zu kleinen Erwerbspensen oder gar zu Erwerbsunterbrüchen, die sich in tiefen Altersrenten niederschlagen. Prekarität und Armut während der Erwerbsphase setzt sich im Alter fort. Frauen müssen häufiger allein mit der AHV-Rente über die Runden kommen. Sie sind deshalb öfter auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Fast zwei Drittel der EL-Beziehenden sind Frauen.

Mit Gleichstellung gegen Armut

Armut in der Schweiz ist also mehrheitlich weiblich. Dies hat strukturelle Ursachen. Voraussetzung für weniger Armut ist deshalb die Gleichstellung der Geschlechter. Verschiede Schritte sind notwendig: Grundlegend sind gleiche Löhne für gleiche Arbeit, kontinuierliche Weiterbildung und Karriereförderung auch für Teilzeitarbeitskräfte. Dies trägt zum Verschwinden von typisch weiblichen Tieflohnsegmenten bei. In der Konsequenz kann Care-Arbeit nicht mehr augrund der Kostenlogik den Frauen aufgebürdet werden und Männer können ihr Recht auf Care-Arbeit einfacher einfordern. Zentral ist zudem ein bezahlbares Angebot an Kindertagesstätten und Tagesschulen, welches die Nachfrage schweizweit deckt. Dringlich bleibt die Notwendigkeit, das Armutsrisiko einer Scheidung aufzufangen. Diesbezüglich gilt es, Rechtsgrundlagen für eine existenzsichernde Alimente zu schaffen.

Die Notwendigkeit, die strukturellen Ungleichheiten zu überwinden, liegt auf der Hand. Jetzt braucht es den politischen Willen, den Druck von Unternehmen, das Vorbild der öffentlichen Hand und nicht zuletzt das Engagement der Männer, damit die Forderungen nach Gleichstellung nicht im Winde verwehen, sondern auch in einer Reduktion der Armut münden.

Bild: Conradin Frei

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